
Die stählerne Leitplanke ist teilweise eingedrückt. An einer Stelle fehlt sie. Ein dicker Felsbrocken rollte vom Berg herunter und hat sie weggerissen. Es muss schon länger her sein, die Ränder sind bereits rostig.
Am Straßenrand wächst Thymian.
Leuchtpfeile weisen auf eine Kehre hin, man soll langsam fahren, das braucht man mir nicht zu sagen, der Tacho zeigt neun Kilometer pro Stunde an.
Ich bin schon lange nicht mehr so langsam einen Berg hinauf gefahren. Eine Mischung aus Langeweile und Anstrengung stellt sich ein.
Die Leitplanke ist durch einen Stahlzaun erhöht, ich zähle die Pfosten : eins, zwei, drei,…zehn. Fünf Meter liegen zwischen zwei Pfosten. Eins, zwei, drei, vier,… zehn, und wieder fünfzig Meter weiter.
Ein Motorrad überholt mich in rasenden Tempo. Ich habe das Kreischen seit Minuten im Ohr, während der sich das Motorrad die Kehren hinaufschraubte.
Wieder ist die Leitplanke eingedrückt, Plastikblumen sind daran festgebunden. Jemand ist hier zu Tode gekommen. Bestimmt so ein wilder Motorradfahrer wie der gerade.
Vor uns fährt ein Paar auf stromfreien Rädern, nur unwesentlich langsamer als wir. Jo überholt die beiden, ich nicht.
Mein Tacho zeigt neun. Nehmen die Kehren kein Ende?
Der Hang an der Seite ist mit Netzen bespannt. Alle zwanzig Meter stechen gelb-schwarze Schneepfosten senkrecht in die Höhe. Braunes Farngestrüpp, Ginster, Kiefern, Eschen und Wacholder stehen am Hang. Brombeerranken greifen gierig nach der Straße.
Jo ist außer Sichtweite, ich zockele hinter den Radlern her. Mein Akkustand zeigt 85 Prozent. Wenn wir oben sind, geht es nur noch bergab, sagte Jo, 25 Kilometer bergab. Wahrscheinlich wollte er mir damit zu verstehen geben, dass ich ruhig auf eine höhere Unterstützungsstufe schalten kann. Aber ich bin da vorsichtig. Eine Horrorvorstellung, am Berg zu hängen, und der Akku ist aus. Mit diesem schweren Rad ist sogar das Schieben anstrengend.
Jetzt überhole ich die beiden doch.
„E-Bike,“ sagt der Mann zu seiner Frau, „keine Kunst. Die brauchen immer eine Steckdose.“
„Stimmt.“ Sage ich und bin schon vorbei. Man braucht vielleicht auch einen zweiten Akku, überlege ich. Weil man es sich dann leisten kann, mit voller Unterstützung den Berg mit zwanzig Stundenkilometer hinauf zu düsen. Und das ist sehr geil.
Ein kurzes Stück fahre ich auf Stufe rot, um Jo einzuholen.
Wir kommen auf eine windige Hochebene, durch die sich ein rumpeliger Schotterweg zieht. Kühe und Schafe werden von Hunden bewacht, die uns in Ruhe lassen. Die Schäfer sitzen in ihren Autos am Straßenrand, schlafen oder starren ins Handy.
Eine kleine Eselherde schaut freundlich. Kein einziges Auto überholt uns. In einem kleinen Ort trinken wir Kaffee. Dann ziehen wir alles an, was wir dabei haben und sausen eine halbe Stunde bergab. Im Süden leuchtet der bedeckte Himmel.

Als wär ich dabei…