Ich bin von hohen Bergen umgeben. Groß flach und sehr fruchtbar bin ich. Die Menschen fahren mit ihren schweren Traktoren auf mir herum, reißen mit scharfen Geräten meine Haut auf, bewerfen mich mit Fäkalien. In meinem Fall ist das Pflege. Denn so kann ich Ihnen Jahr für Jahr tonnenweise Tomaten, Zucchini, Kürbis, Getreide und vieles mehr schenken.
Das geht so seit 150 Jahren. Vorher war ich ein See, ja, ihr lest richtig, ein See. Der größte Binnensee Mittelitaliens war ich einst. Meine Fische waren begehrt und erzielten in Rom auf den Märkten hohe Preise. Ich hatte keinen Abfluss, deshalb stieg und fiel mein Wasserspiegel je nach Wetterverhältnissen. Regnete es viel, überflutete ich die an meinen Ufern liegenden Orte. In trockenen Zeiten versumpften meine Ufer, Mücken breiteten sich aus und meine Fische starben.
Das mochten die Menschen nicht.
Schon vor 2000 Jahren wollte mich der damalige Kaiser trockenlegen.
Er ließ von 30.000 Arbeitern einen fast 6 km langen Tunnel 300 m unter dem Monte Salvino graben. 11 Jahre brauchten sie dafür. Die Fertigstellung wurde mit einer Naumachie gefeiert.
Bevor mein Wasser abgelassen wurde, fand zur Erbauung des Kaisers und des Volkes eine inszenierte Seeschlacht auf mir statt. Zwei Flotten mit jeweils 50 Schiffen traten gegeneinander an. Die Besatzung bestand aus 19.000 Unfreiwilligen. Es waren als Verbrecher verurteilte arme Seelen. Den Überlebenden versprach der Kaiser die Freiheit. „Ave Imperator, morituri te salutant!“ erscholl es von den Schiffen, als sie nacheinander an des Kaisers Thron vorbei ruderten. Mein Wasser färbte sich an diesem Tag rot vom Blut der Morituri. Fast alle starben. Der erste Dünger meiner Felder war Blut.
Und wofür das Ganze? Der Tunnel wurde nur kurze Zeit gepflegt, dann war es vorbei mit dem Weströmischen Reich, er verstopfte, und mein Wasser kam zurück.
Viele Jahrhunderte später wurde wieder ein Kanal gebaut. Die Menschen hatten dazu gelernt, sie legten ihn gleich 20 Meter breit und verstopfungssicher an. Seitdem bin ich fruchtbares Ackerland mit Straßen und Höfen darauf.
Aber wer weiß, was aus mir noch werden wird? In jüngerer Zeit gibt es zu viel Regen oder zu wenig Regen. Ich höre die Bauern fluchen. Ich höre sie darüber sprechen, wie lange es noch gehen wird. Mir ist es gleich gültig. Ich werde bleiben. Als See, als Wiese, als Wald, als Wüste. Mich wird es noch geben, wenn die Menschen verschwunden sind.
Mich, die Fuciner Ebene.
