„Ulcinji ist wie Kotor in winzig“, berichten die Platznachbarn, als sie mittags mit den Rädern zurückkommen, „lohnt sich nicht“. Da haben wir schon eine Radtour geplant, die die Altstadt von Ulcinji mitnimmt. Und man soll sich ja immer selbst ein Bild machen. Acht Kilometer radeln wir durch Verkehrschaos, über Kreisverkehre mit dem Recht des Stärkeren, an in zweiter Reihe parkenden Autos vorbei, durch Gassen mit immer dichter werdenden Nippes Buden, in denen grellbunte Schwimmtiere, Sonnenhüte und Halsketten verkauft werden. Die feuchtwarme Luft riecht dezent nach Hundekot und Hafenwasser. Über Fußgängern hängen Wolken des rauchig-holzigen Oud Parfüms, das man auch in Deutschland oft in Bahnhöfen und Fussgängerzonen zu riechen bekommt. Am Eingang zur Stari Grad, zur Altstadt sperren wir die Räder ab und steigen Stufen empor. Das alte Ulcinji wurde auf einem Felsen erbaut, der halbinselartig ins Meer hinausragt. Enge Gassen, viele Katzen, venezianisches Flair. Ein Restaurant am anderen, der ganze Felsen ein verwinkelt-malerisch und komplett kommerzialisierter Gastronomiefelsen, jetzt, am frühen Nachmittag noch menschenleer, nur ein paar gelangweilte Kellner dienen uns halbherzig ihr Standart Touristenmenue an. Der Ort hat nichts für uns und wir nichts für ihn.





Zurück bei den Rädern sitzen wir eine Weile etwas ratlos auf einer Bank und entdecken ein kleines Denkmal für die Opfer des Erdbebens von 1979. Eine Steintafel, durch die ein Riss geht, der sich über den Boden fortsetzt, die Namen der Toten auf einer bronzenen Tafel. Damals wurde der ganze Landstrich verwüstet.

Wir radeln wieder raus aus dem Stadtchaos und biegen nach ein paar Kilometern Schnellstraße in ein gemütliches, kleines, landwirtschaftliches Sträßchen ein, das um den auf der Landkarte eingezeichneten See führt, der aber leider nicht zu sehen ist. Ein Feuchtgebiet, zugewachsen, sumpfig, ein Zaun drumrum. Auf der anderen Seite fließt die Buna, der Grenzfluss, der aber auch nicht zu sehen ist, nur üppiges, undurchdringliches Grün. Ganz am Ende Montenegros ist eine abgelegene Dünenlandschaft mit Flussmündung. Hier ist ein Paradies für Kitesurfer, Nacktbader und Fischesser. Mehrere Lokale, die teilweise auf Stelzen im Wasser stehen, konkurrieren um die Gäste, die es auf der Sandpiste bis dahin geschafft haben.



An einem lehnt ein mit Packtaschen und einer Gitarre beladenes Fahrrad, dessen Besitzerin uns aus der Kneipe heraus zulächelt. Eine junge Französin, wie sich herausstellt. Wir setzen uns zu ihr und plaudern. Seit Oktober ist sie unterwegs, den Winter hat sie in Istrien auf einem Biohof verbracht, da ist sie zufällig gelandet und hat so was wie ein Zuhause gefunden. In Montenegro im Gebirge war sie, im Durmitor, da wo wir auch waren, jetzt will sie weiter nach Bulgarien, da wohnt eine Tante. Sie erzählt von der Gastfreundschaft der Leute und schwärmt von den Passstraßen und von den vielen netten Menschen, die sie schon getroffen hat. Das glaube ich gern, sie hat eine Ausstrahlung, die die Herzen anzieht und öffnet. Zierlich ist sie und sehr jung. Ich mache mir mütterliche Sorgen und frage, ob sie sich immer sicher fühlt. „I am a reasonable girl“, sagt sie. Wenn es sich seltsam anfühlt, fährt sie weiter und lässt sich nicht drauf ein. Wie lange sie noch unterwegs sein will, frage ich. Das weiss sie noch nicht. Sie weiss auch nicht, ob sie nach Frankreich zurückkehren will. Sie hat Job und Wohnung für die Reise aufgegeben. „Und dann noch das Ergebnis der Europawahl…“ Wahrscheinlich verbringt sie auch den kommenden Winter in Istrien. Dann geht sie, um Sergio zu suchen. Wegen der Übernachtung. Den kennt sie nicht, aber man hat ihr gesagt, frag nach Sergio, der bringt dich unter.

Wir speisen fürstlich in diesem kleinen Bretterlokal. Fischsuppe und Salat und Wolfsbarsch. Wir beobachten, wie Fluss und Meer ineinander schwappen. Wir sind berührt und bewegt von der Begegnung mit dieser jungen, freien, mutig-besonnenen und vielleicht auch etwas einsamen Frau. Wir erkennen es wieder, dies Lebensgefühl und spüren unser Alter.
Auf dem Rückweg nehmen wir einen sandigen Feldweg, eine Abkürzung. Da liegen auf zwei Kilometern bestialisch stinkende Müllberge im blühenden Brombeer Gestrüpp.