ist unser nächster Ort nach Cadiz. Liegt in der Sierra die Aracena, wie passend.
Wir hatten noch länger rumgesucht und rumgezwängelt mit der Frage, ob und wo wir am Meer noch bleiben könntensolltenwollten. Weil man ja so bald nicht mehr herkommt… Wir fanden aber keine lockenden Plätze in der Nähe, also weiter bzw. ab jetzt zurück, gen Norden.
Zunächst an Jerez vorbei, nicht ohne en passant in einer Kooperative ohne jeden Schnickschnack einen Fünf Liter Bembel Sherry zu kaufen, – der sich abends als sehr lecker herausstellt. Ja, auch Jerez sollte man wohl gesehen haben – ein andermal.
Erst geht’s durch fades plattes Land, doch dann tauchen Spuren von Mittelgebirge auf, und schon geht’s uns gut, richtig entschieden.

Aracena grüßt von Weitem schon mit seiner erhabenen Burgruine [das ist mal echter Baedeckersound. Der Säzzer (selig)]
Ein guter Stellplatz, ein Spaziergang durch den Ort, plötzlich stehen wir vor den hohen weißen Wänden der Stierkampfarena. Ein Plakat: Morgen wird hier gekämpft!

Schnell entschlossen kaufen wir zwei Karten á 35€ und sind fortan ziemlich aufgeregt…

Wir steigen hoch zur Burg, der Ort ist größer als gedacht.



Bergab kommen wir am Eingang zur berühmten Tropfsteinhöhle vorbei, mitten in der Stadt, sehr ungewöhnlich.

Der folgende Tag ist an Vielfalt und Fülle kaum zu übertreffen:
Es ist Markttag, der große Platz ist im Karree mit Ständen bestückt, es gibt aber fast nur Kleidung im Angebot, kein Gemüse, Schinken, Käse.

Schade. Flamencokleider, aber nicht in meiner Größe, und die Wedelfächer sind aus China.


Also zur Höhle. Angeblich die schönste größte beste ihrer Art in Spanien. Ca 1,5 km Rundgang treppab und -auf.




Schöne Tropfsteine. Teils leuchtend weiß, und kleine Seen, ganz still. Manche Stalagtitenreihen hängen ganz schräg, hat es wohl nach der Steinbildung Verwerfungen gegeben? Eine schöne Höhle, die uns nach einer Stunde wieder ausspuckt.
Jetzt einen Snack, aber wir geraten an eine reichlich unfreundliche und unwillige Bedienung, verärgert zurück zum Rollheim.
Jetzt ist Fußball dran. Der BVB kämpft am letzten Spieltag um die Champions League. Das ist schon wichtig, geht doch um Kneipenabende im nächsten Herbst und Winter… Also sitze ich zwei Stunden am Laptop und kämpfe mit dem schlechten livestream. Am Ende ein 3:0 Sieg, und ich freue mich auf Alis Garage am Rennweg im Oktober.
Jetzt aber schnell wieder los, der
STIERKAMPF
beginnt ja bald. Es gibt zwei Kassen, eine für Sonnenplätze und eine für Schattenplätze. Die Arena ist kreisrund, der Schatten ist ausverkauft. Wir haben tatsächlich die besten Plätze, Nummer 1 und 2, ganz unten, nah am Geschehen. Man sitzt auf Steinstufen, ein dicker Mann verkauft Dosenbier. Der Kampfplatz hat festen Sandboden.
Es geht los, ein kleines Orchester spielt auf, klingt nach Mariachi, viel Trompete in Führung.

Feierlich ziehen zunächst zwei berittene Vornehme ein, ihre Bedeutung erschließt sich uns nicht, aber sie scheinen wichtig zu sein, und sie bekommen Applaus. Dann kommen die Akteure, zwei gepanzerte Pferde mit Reiter und Lanze, zwei SchleppPferde, einige Männer in bunten Gewändern mit Epauletten, und alle haben rosa Strumpfhosen (wer kennt Mel Brooks: Men in Tights – RobinHood Parodie?) – leider wird’s hier überhaupt nicht lustig werden heute Abend. Alle drehen eine Runde und ziehen ab.
Ein Tusch, eine Fanfare, Stille. Dann kommt der erste Stier hereingefegt.
Mit irrem Tempo, schnaubend, ziellos. Die ersten Hilfstoreros wagen sich hinter ihnem Bretterschutz hervor, locken ihn mit großen bewegten Tüchern, er rennt hin und her, sehr aufgeladen. Das geht so ein paar Minuten, mit Musik untermalt. Dann kommt das gepanzerte Pferd, mit Reiter, mit Lanze. Das Pferd kann nix sehen, seine Augen sind abgedeckt, (vermutlich würde es sonst durchgehen,wäre vernünftig ).
Der Stier rennt seitlich auf das Pferd zu, schiebt es und hebt es herum, dabei bekommt er vom Reiter die Lanze in den Nacken gebohrt, das soll und wird ihn schwächen. Damit endet der erste Akt.

Der zweite besteht darin, daß Männer das Tier auf sich locken und ihm, wenn es anrennt, jeweils zwei Stöcke (1m lang) mit Widerhaken in den Nacken stecken, die sollen dann hängenbleiben. Das gelingt mal besser, mal schlechter. Spannend ist schon, daß diese Picadores völlig schutzlos vor dem Stier stehen, und es muss ihnen gelingen, ihn zu „erwischen“ ohne von den scharfen Hörnern erwischt zu werden. Am Ende des zweiten Aktes hat der Stier sechs Stöcke im Nacken, die ihn nerven und sicherlich schmerzen.
Akt drei, der Torero tritt auf den Plan, das Tier ist gereizt, angeschlagen, wütend und zugleich geschwächt. Es wird mit rotem Tuch gelockt und läuft ins Leere, immer und immer wieder, vom Publikum angefeuert, mehrere Sequenzen nacheinander, dann Pausen, in denen der Torero Applaus bekommt, dem Stier verächtlich den Rücken zuwendet, und der blöde Stier steht einfach nur rum, dabei wäre das doch seine Chance. Aber er reagiert halt nur auf schnelle Bewegungen, der Depp. Der Mensch sonnt sich hingegen in der Illusion von Kontrolle über das Wilde, samt argem Hohlkreuz und großen Gesten -Viele Bewegungen scheinen einer bestimmten Choreografie zu folgen, auch der Applaus lässt das vermuten, uns erschließt es sich nicht. Nach einigen solchen „Kampfszenen“ naht das Finale, der Torero hat nun einen langen Degen in der Hand, den er von hoch über dem Kopf nach vorn unten richtet, und zugleich den Stier anlockt. Der rennt erneut an und bekommt den Degen tief in den Nacken gestochen, im „Idealfall“ bis zum Heft, dann tobt das Publikum, der perfekte Stich bringt den Tod innerhalb kürzester Zeit, der Stier fällt um und verendet.

Der Torero lässt sich feiern, weiße Tüchlein werden geschwenkt, Pfiffe ertönen, hier Zeichen der Anerkennung. Und wenn die kommt, darf der Torero sich die Ohren als Trophäen mitnehmen. Stolz präsentiert er sie mit großer Geste.

Ein Torero verliert zweimal sein rotes Tuch, und sein Degenstich ist nicht final, spätestens dann beginnt die Quälerei, es braucht einen zweiten und dritten Stich, und es dauert. Schwer zu ertragen für Stier und uns. Ganz schlecht, der bekommt auch keine Ohren.
Früher oder später ist der Stier tot, dann wird er von den SchleppPferden an den Hörnern aus der Arena gezogen, wenn er „gut“ war, bekommt er eine Ehrenrunde mit viel Applaus.
Nach vier toten Stieren haben wir genug gesehen, der Ablauf ist immer gleich, das Ende sowieso, und wir haben eine Ahnung davon, was Können des Toreros, Vitalität des Stieres und Anspruch des Publikums ausmachen. Es ist erschütternd, obszön, teils grausam, lächerlich in der Grandezza, – und dennoch finde ich dabei auch Resonanzen in mir, verstehe den Reiz der…
Es gibt Videos von Schlachthöfen, die sind viel erschütternder, dort schreien täglich Tiere in Todesangst. Und überhaupt, Massentierhaltung hat keiner der heute getöteten Stiere erlebt.
Der archaische Ursprung des Stierkampfs ist sicherlich die Jagd, der heutige Jäger mit Gewehr und viel Distanz ist ein feiges Würstchen, das Geweih an der Wand ein Witz.
Als Volksbelustigung ist der Stierkampf nah dran an den brutalen Kämpfen im alten Rom, im ÖffentlichRechtlichen gibt es täglich 20 Tote, im Vorabendprogramm.
Weitere Stierkämpfe werden wir nicht sehen, einmal wars gut, eine Grenzerfahrung, hart an Leben und Tod, aber nicht nochmal.

Draußen vor der Arena steht ein offener Kühllaster, wenn man noch nicht genug hat, kann man beim Schlachten der Besiegten zusehen.

Wir haben genug, aufgewühlt gehen wir zurück, es wartet noch ein Event:
In Basel findet der ESC statt. Grand Prix Eurovision. Seit vielen Jahren eine schöne „Pflicht“ für uns, zusammen mit den Kindern, mit viel Trinken, Geblödel, Streiten über Favoriten. Erstmals so vor vielen Jahren auf nem Campingplatz im Lido von Venedig. Heute sind wir per Chat verbunden und auch diesmal nicht einer Meinung, wer derdiedas beste Gesingel sei. Am Ende gewinnt Österreich, das Sieger winselt vor Freude, Deutschland kackt wie immer ab, darauf ist Verlass.

Am nächsten Morgen rollt ein weiteres Womo auf den Stellplatz. Viele deutsche Mobile sind ja am Heck mit Sprüchen geschmückt, mal mäßig witzig, mal platt bedenklich. Das heutige hat das Motto:
„Erkenne den Schöpfer in der Schöpfung!“
– Nach so einem Tag:
Wie mag er wohl aussehen?
Das öffentliche Quälen und Abstechen von Tieren zur Volksbelustigung wird durch einen Vergleich mit der Massentierhaltung nicht weniger verwerflich.
Das öffentliche Quälen und Abstechen von Tieren zur Volksbelustigung wird durch einen Vergleich mit der Massentierhaltung bei uns und unseren Schlachthöfen nicht weniger verwerflich.
na, da habt ihr euch ein reichlich kontrastreiches Programm zusammengestellt: Den spanischen blutigen Machokult in der Stierkampf-Arena und die politisch korrekte Feier der Nonbinarität bei esc. Gottseidank hat aber dann doch Dortmund gewonnen und die großen Fragen (gibt es Tierrechte, wieviele Geschlechter gibt es, muss man die Absonderlichkeiten untersch. Kulturen tolerieren, weil es gibt?) vorläufig ad acta gelegt.