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Fünfhundert Stufen und eine Höhle

In Chiang Dao wohnen wir in runden Hobbithütten, gelber Lehmputz, in die Wände eingebaute Flaschenböden. Die Duschen halb überdacht, halb im Freien. Jedes Häuschen hat eine kleine eigene Terrasse. Frühstück wird in einem Pavillon serviert.

Viele Vogelstimmen sind zu hören und leise Bassklänge vom nahen Shambala Festival, das jedes Jahr 3000 Leute anzieht. Die Jugend würde da gern hingehen, die Alten eher nicht. Es bleibt offen.

Das kontinentale Frühstück mit Toast und Obst ist schnell durchgerauscht. Ich habe bald wieder Hunger. Damit ich für die anderen nicht gefährlich werde, kehren wir zu einem frühen Mittagessen ein. Eine alte Dame bekocht uns. Sie versteht ihr Handwerk. Während wir essen, kommen zwei orange gekleidete Mönche. Sie erhalten Essen zum Mitnehmen von der alten Köchin, dafür bekommt sie einen Segen. Die Mönche und die alte Frau singen miteinander.

Mit gut gefüllten Bäuchen besuchen wir das Mönchskloster im Wald.

Inmitten beeindruckender Natur führen 500 Stufen empor, flankiert von buddhistischen Weisheiten, die so oder so ähnlich in jeder Religion benannt werden. Es geht um bewusstes Leben, um Sinn, um Achtsamkeit und um das Gewahrsein der eigenen Endlichkeit.

Die Stufen sind flach und tief, man schreitet empor. Oben ist ein in den Fels gebauter Tempel. Wir sind fast allein dort, eine besinnliche Stimmung ergreift uns.

Eine heilige Höhle gehört auch zum Ensemble. In dieser Tropfsteinhöhle hat viele Jahre ein Mönch gelebt, der irgendwann nicht mehr rausgekommen ist. Der Legende nach ist er zu Stein geworden. Vor dem Höhleneingang hängen bunte Lampions. Die kann man kaufen und Wünsche daran hängen. Das ganze sieht fröhlich aus ganz anders als die Bitt- und Dankwände in den alten christlichen Kirchen.

Man kann Fischfutter kaufen und damit fette Koi Karpfen füttern, die weiß grau und orange schimmernd in einem Becken lauern.

Ich beobachte eine Lampionverkäuferin, die sich vor einem Handspiegel mit einer Pinzette die kaum sichtbaren grauen Haare auszupft. Unsere Blicke treffen sich. Ich nehme meinen Hut ab und halte ihr meinen melierten Schopf hin. Wir lachen beide schallend. Das Gelächter wogt wie eine Welle durch die Schar der Frauen.

Die Höhle darf man nicht allein besichtigen, also bezahlen wir eine Führerin, die uns durch die dunklen Gänge leitet. Sie leuchtet uns mit einer Öllampe. Unsere Jacken sollen wir am Eingang lassen, wird uns bedeutet, gut so, denn es ist warm und stickig in der Höhle.

Unsere Führerin zeigt uns Tropfsteine, die aussehen wie Elefanten, Buddhas, Wasserfälle.
Die Höhle wirkt abgenutzter als die Tropfsteinhöhlen, die ich in Europa kenne. An einer Stelle hängen Fledermäuse unter der Decke.

Zweimal quetschen wir uns auf allen Vieren durch enge Passagen. Ich krieche durch die zweite hindurch und denke an die Liedzeile „mir fehlt der enge Weg durch den Geburtskanal“ – obwohl mir der gar nicht fehlt- und: „noch mal brauche ich das nicht!“
Erleichtert taste ich mich an der dunklen Wand entlang um für die anderen Platz zu machen, denen unser Guide gerade mit der stinkenden Lampe leuchtet.
Da rutscht mein Fuß auf dem glatten, feuchten Lehmboden aus, ich verliere das Gleichgewicht, rolle mich wie in Zeitlupe ab und lande mit dem Knie auf etwas Spitzem. Autsch! Stöhnend hocke ich im Dreck, umklammere meine Kniescheibe, ein Muskelkrampf bahnt sich an, ich greife meine Zehen, halte dagegen. „Was ist passiert?“ schreit mich jemand an. Jo? Tilman? Offenbar habe ich in meinem allumfassenden Schmerz nicht reagiert und sie sind in heller Aufregung. „Knie“ stöhne ich und lasse mir erstmal noch nicht aufhelfen. „Atmen,“ sagt jemand. Ich fühle eine beruhigende Hand im Rücken. Bei allem Schmerz schäme ich mich. Wieso passiert mir das? Hier jetzt so den Verkehr aufhalten, aus lauter Dusseligkeit. Wo kommt denn das jetzt her? Es reicht doch wohl, dass ich mich hier im Dreck winde, da brauche ich nicht Mama Papa sonst wen, die mich obendrein noch ausschimpfen. Tilman schaut mein Knie an, als ich es endlich loslasse. Ich kann abwinkeln. Gut. Er hilft mir auf. Gemeinsam stützen sie mich, reichen mich weiter, damit ich Schritt für Schritt aus der Höhle komme. Es sind noch einige Stufen zu überwinden. Endlich draußen besorgt Marlene Eis, unsere Führerin reibt ätherisches Öl auf mein Knie, ich sitze vor den Kois und schaue in den Tunnel aus bunten Wunschlampions.

Es ist gut gegangen. Nur eine Prellung. Darauf ein Matcha Latte für alle. Jetzt will niemand mehr zum Festival. Wir machen Pause in den Roundhouses. Füße hoch tut allen gut. Später, da ist es schon dunkel, haben wir Glück, dass noch ein einziges Lokal am großen Parkplatz der Heiligtümer geöffnet hat. Ganz allein nur für uns wird der Herd noch mal angeworfen. Kabkunka!

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. charlottgreen

    SCHÖN! Bis auf den Sturz. Hoffe, es tut nichts mehr weh.

  2. edehigh946a8614da

    Farbige Lampions, bunt geschmückte Höhle, ein geprelltes Knie, das inzwischen hoffentlich schmerzfrei ist!? Ganz schön ereignisreiche Reise! 👍🙏

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