Küstenwanderung auf dem Schulweg

Wir laufen durch ockerbraune Vulkanlandschaft an der Küste entlang nach Norden. Das mal gröber, mal feiner zermahlene Gestein knirscht unter dem Wanderschuhen, unsere Schritte wirbeln Staub auf, wir halten an besonders sandigen Stellen Abstand voneinander, um den Staub nicht einatmen zu müssen, trotzdem ist er überall: in den Haaren, in der Nase, in den Augen, an der Kleidung sowieso. Alles färbt sich braun wie die Landschaft.

Der abschnittsweise gepflasterte Weg schlängelt sich am Meer entlang. Nah am Abgrund ist er mit kleinen Mauern gesichert. Es war einst der Schulweg der Kinder. Morgens sind sie vom einen welt- abgeschiedenen Dorf 12 km in den anderen, etwas größeren und etwas weniger abgeschiedenen Ort zu ihrer Schule gelaufen.
Von da aus führte ein Zickzack Maultierpfad 600 m hoch zu einer Verladestation, an der die Pickups aus dem Hafenort hielten und alles brachten, was man da unten zum Leben brauchte. Linsen und Zucker, Coca-Cola, Kaffee und Reis, Seife und Matratzen. Und am Abend sind sie zurückgelaufen, die Kinder, in der sinkenden Abendsonne, hinab in mehrere Trockentäler und auf der anderen Seite steil wieder hinauf. Vorbei an einzelnen geduckten Akazienbäumen, quer durch die Lavafelder am mächtigen Vulkan entlang, vorbei an den Schweineställen am Ortsrand, an der eingepferchten Ziegenherde, hinein ins Dorf: wenige einfache Steinbauten, offene Kochfeuer, still dasitzende, wenige Menschen.

So wie wir jetzt, nur schneller vermutlich. Sie werden kaum 4 Stunden für einen Weg gebraucht haben, so wie wir. Aber wir müssen ja auch so viel stehen und staunen und ah und oh sagen und Fotos machen von all der fremden schönen Kargheit, die für die Kinder so normal war wie für uns ein Spaziergang durch den Reichswald. Wo gehen die Kinder heute zur Schule? Heute ist sogar die nach der Schulweg Ära gebaute Staubpiste schon durch Kopfsteinpflaster ersetzt worden, so dass nun auch Belgier und Franzosen kommen und in das Tal hinein Villen bauen. Der obere Ort ist so abgelegen wie eh und je. Vielleicht gibt es ein Schulboot? Oder keine Kinder mehr?

50 Minuten dauert die Rückfahrt im Boot für uns. Eng an der Küste entlang, die wir nun von unten bewundern, erleichtert, dass wir heil angekommen sind, dass das Wasser gereicht hat, das es kalte Cola gab in einem Verschlag auf roten Plastikstühlen, wo neben uns ein kleiner brauner Junge mit lachenden schwarzen Augen habnackt mit einer Plastikrakete von Fischertechnik spielte, bewacht von einem winzigen Hund, wie aus Tim und Struppi entsprungen. Erleichtert, dass der Mann mit den glasigen Augen, der uns ein Boot organisiert hat, nicht der Kapitän ist. Er fährt nur mit, offenbar kann er als einziger ein paar Brocken Französisch und Englisch, die er wild gestikulierend zu immer gleichen Kauderwelschphrasen mischt, die wir kaum verstehen, die aber wohl seine beiden Kumpel beeindrucken, die sich um die Arbeit kümmern. Sie helfen uns in das Zubringer Ruderboot, der eine schwimmt neben uns her, um uns 50 m weiter draußen auf dem Wasser beim Umsteigen ins motorisierte, etwas größere Boot zu helfen, dann hält er das Ruder fest und sicher, während der andere im Bootsheck steht und die Küste fixiert als drohte von dort Gefahr. Es tauchen an der Kante der Steilküste keine wilden Indianer auf, wie in den Wildwest-Filmen, an die die Landschaft erinnert. Und niemand beschießt uns mit Pfeilen. Nur die Eselherde, sieben zutrauliche flauschige kleine Esel, die wir beim Wandern gekrault haben, rennen im Galopp an der Kante entlang, als wollten sie uns noch mal grüßen. Männer in entgegenkommenden Booten winken und lachen, wir winken zurück. Der vermeintlich sprachbegabte Mann liegt lang ausgestreckt, den Kopf gebettet auf dem orangenen Ankerballon, neben Marlene, von der er abgelassen hat, nachdem sie ihm mehrfach deutlich „pas touche moi!“ ins Gesicht gezischt hat. Beim Aussteigen müssen wir die Schuhe ausziehen und an Land waten, einen Bootssteg gibt es nicht. Ich drücke dem Laberkopf die vorher vereinbarte Summe in die Hand. Er macht ein flehendes Gesicht und will mehr. Die anderen greifen ein und ziehen mich weg von ihm. Er kapiert und gibt auf. Fröhlich verabschiedet er uns alle mit Handschlag. Jana hält er fest, fast hätte er sich eine Ohrfeige von Tilman und Jo eingefangen. Wir sind zurück, voll mit Eindrücken, aufgeheizt, ausgetrocknet und glücklich. Auch über die Suppe, die es noch gibt.

Wir gehen schwimmen, Jo und ich kurz, die Jugend länger, sie schwärmen später von schillernden Zebrafisch Schwärmen, von denen sie plötzlich umgeben waren. Die Sonne versinkt beim Sundowner im Strandhaus. Das Buffet ist pünktlich um sieben auf der Mauer aufgebaut. Es gibt gegrillten Fisch, Ziegenbraten, Kichererbsenragout, Kartoffelbrei, würzige Möhren in sahniger Sauce, Bohnengemüse und vier verschiedene Salate. Satt und zufrieden sinken wir ziemlich früh in die Betten. Mir fallen schon um halb zehn die Augen zu.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. charlottgreen

    Wunderschön. Danke.

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