Ich erwache von Glockengebimmel. Eine Schafherde läuft in Zweierreihen wie eine Kindergartengruppe am Womo vorbei. Draußen riecht es nach Schafdung und klarer, sauberer Morgenluft. Unser Übernachtungsplatz in Torrejón el Rubio liegt am südlichen Rand des Monfragüe Nationalpark, neben einem Observatorium und einem Bird-Watching-Center. In dem kleinen neuen Steinhaus hängen Bilder von Vögeln an den Wänden, der Nationalpark ist berühmt für seine Vogelartenvielfalt. Verschiedene Geier – und Adlersorten nisten hier. Ein Video zeigt alle Vögel und bringt ihre Laute zu Gehör.

Bei der Weiterfahrt nach Plasencia durchqueren wir den Nationalpark auf schmaler Straße und machen ein paar Zwischenstopps.
Am Picknickplatz an der Brücke über den Stausee füllen wir unsere Flaschen mit eisenhaltigem Quellwasser. Ein Reh spaziert vorbei. Die Puente del Cardenal, die erste Brücke über den Tajo, 1450 erbaut, ist nicht zu sehen. Sie taucht nur bei Niedrigwasser auf. Aktuell sind die Stauseen randvoll.
Unser nächster Stopp ist am Castillo de Monfragüe, eine Turmruine mit Aussicht weit über das Tajo-Tal.

Sehr bequem lassen wir uns mit dem Shuttle Bus hinauf bringen. Unter Geiern sind wir hier. Die majestätischen Vögel kreisen in weiten Bögen ohne Flügelschläge elegant im Aufwind.
Eine Frau aus Brandenburg ist allein unterwegs und genießt wie wir das erste Gespräch auf deutsch seit langem. Sie teilt unsere Erfahrung: in Spanien wird kaum Englisch gesprochen. Wenn man sich unterhalten will, muss man spanisch können. Sie lernt die Sprache seit zwei Jahren, und sie ist ernüchtert, wie wenig sie versteht. Die Leute reden so schnell, sagt sie. Ein paar Mal reichen wir das Fernglas hin und her und bestaunen die Vögel, dann trennen sich unsere Wege wieder.
Nächster Stopp: Salto del Gitano, eine dramatische, 300 Meter hohe, senkrechte Klippe aus rötlichem Kalkstein, die sich scharf über dem Fluss erhebt.

Auf der Kuppe nisten die Geier, mit dem Fernglas sind sie gut zu sehen.

Es ist heiß heute, deshalb verwerfen wir die Idee einer Radtour und quartieren uns auf einem hübschen Campingplatz bei Plasencia ein. Ein Radweg führt uns in wenigen Kilometern durch den Auwald am Fluss Jerte entlang in die Stadt. Der Fluss ist so voll, daß er an einigen Stellen fast auf den Weg schwappt.

Es schneit Pappelsamen, die weißen Flocken bilden einen weichen Teppich auf der Wiese.
Wir lassen uns ein wenig durch die Innenstadt treiben, die jetzt erwacht.

Auch hier wird sehr spät sehr viel gegessen. Tapas hätten wir gerne, ich bestelle eine Plata Variationes und stelle mir darunter diese vielgerühmte Vielfalt an kleinen Häppchen vor. Falsch. Ich bekomme mit matschiger Soße gefüllte Kroketten, Pommes, Würstchen und ein Spiegelei.
Jo bestellt Kartoffel-Tortilla. Der Wirt schaut skeptisch und bedeutet pantomimisch, besser nur eine halbe Portion zu nehmen, weil eine ganze zu viel wäre. Die halbe ist dann auch zu viel. Essen gehen in Spanien, für uns eine bislang unbewältigte Herausforderung.
Auf dem stillen Plaza Ansano steht eine Skulptur. Ein Mann auf allen Vieren hat Kopf und Arme in den Boden gesteckt, ein anderer schaut mit neutraler Miene auf ihn herab. Wir sinnieren über die Wirkung der inspirierenden Skulptur und über die mutmaßliche Absicht des Künstlers.

Später recherchieren wir im Netz:
Es handelt sich um ein Werk von Antonio und Carlos Morán (Vater und Sohn) von 2010, die die Deutung des Kunstwerkes den Betrachtenden überlassen.
Der Rückweg am Fuß entlang ist stockfinster, voller Akazienblütenduft und Nachtigallen Gesang.
Am nächsten Morgen radeln wir nochmal in die Stadt. Plasencia hat eine besondere Kathedrale: an eine alte wurde eine neue angebaut, teilweise verschränkt.


Das Chorgestühl stammt von Rodrigo Alemán – der Deutsche – aus dem 15. Jahrhundert und hat zum Teil freche Schnitzereien, die hat der Künstler unter den Sitzbänken angebracht. Teils ironisch, teils frivol karikieren sie Zustände und Laster der Zeit. Nur ein Teil davon (der harmlosere?) ist zu betrachten, der obere Bereich ist durch eine Kette versperrt. Fotografieren ist verboten.


Es gibt einen Audioguide und eine Augmented Reality Präsentation.

Daß ich beim Anschauen sicher auf einem Hocker sitze, vergesse ich beim Flug über die mittelalterliche Stadt und durch die Kathedrale. Mir wird schwindelig, ich verspüre Höhenangst. Zweimal schaue ich mir das an und bin begeistert.




Auf dem Plaza Major wollen wir wieder mal Tapas essen. Draußen nur Rationes. Also Salat, Bratkartoffeln und Lammgulasch. Salat und Kartoffeln kommen zügig, das Gulasch nicht. Es ist vergessen worden. Als der Kellner es in einer Minute bringen will, haben wir längst aufgegessen und bestellen es ab. Das freut den Kellner nicht. Essen gehen ist nicht unser Ding auf dieser Reise.
Nächste Station: das Veratal am Südrand der Sierra de Gredos. Jaraiz de la Vera ist das Zentrum der Herstellung von geräuchertem Paprikapulver.

Der verschlafene Ort hat ein Paprikamuseum. Das Pulver gibt’s in drei Geschmacksrichtungen: dulce, piccante und aggrodulce. Die Paprikaschoten werden über dem Rauch von Holzfeuer getrocknet, was dem Gewürz den typischen Geschmack gibt. Eine alte Frau hat’s erfunden. Und das kam so:
Tante Marianne verkaufte ihre selbst geernteten Paprika und ihr aus den sonnengedörrten Schoten hergestelltes Gewürzpulver auf dem Markt. Weil einmal die Ernte so groß ausfiel, wollte sie nicht auf die Sonne warten, sondern einige Früchte rasch in der Pfanne trocknen. Eine Nachbarin kam vorbei, die Frauen verquatschten sich, Tante Marianne vergaß die Schoten in der Pfanne, und dann waren sie angebrannt. Die Tante weinte verzweifelt, denn Wegwerfen war keine Option, so dicke hatte sie es nicht. Als sie sich ausgeheult hatte, zerrieb sie die schwarz gebrannten und mischte sie mit dem Pulver der unangebrannten Schoten. Wird schon keiner merken. Irrtum! Alle merkten es und – Überraschung! – liebten die angebrannte Mischung.
Ein Comicvideo erzählt uns diese rührende Geschichte. Jo braucht kurz ein Taschentuch.
Im Museum kann man das Gewürz nicht kaufen, aber um die Ecke ist ein kleiner Laden, in dem es herrlich duftet. Da decken wir uns ein.
Am Abend dieses Tages stehen wir auf einem leicht abschüssigen Wanderparkplatz in der Garganta de Jaranda, durch die tosend ein Fluss zu Tal stürzt. Durch diese gumpenreiche Schlucht wollen wir morgen wandern
