Das war ein erstes Mal. Hatte noch nie gesehen, wie ein Mensch ein Tier tötet. Nur mal als Kind, wie Opa ein Huhn geschlachtet hat. Das zählt nicht.
Und? Wie war das jetzt? Reicht’s oder will ich das noch mal?
Der Matador in seinem Glitzeranzug, mit diesen pinken Strümpfen, albern, lächerlich und elegant.
Die Haltung: der durchgebogene Rücken, das vorgereckte Kinn, der in den Nacken geworfene Kopf, das triumphierende „Ha!“ wenn der mächtige Stier gegen das Tuch gestürmt ist, – Gesten des Stolzes. Ich find’s albern, ich find’s stark.
Wie still es wurde, bevor der Stier zu Boden ging. Hunderte Menschen haben die Luft angehalten.
Dabei wurde das Tier langsam gequält und dann getötet.
Der sterbende Stier hat gestöhnt, seine Beine haben gezittert.
Ich hab fasziniert und angewidert zugesehen. Ich hab die Luft angehalten, Adrenalin rauschte durch meine Adern, ich war ganz wach.
Der Stier war allein. Er wurde verletzt und ausgetrickst. Er hatte keine Chance, es läuft immer gleich ab, nach dem vierten Stier hatte ich’s kapiert und bin gegangen.
Meine Spiegelneuronen waren beim Stier. Hopp, nimm den Gecken, den Angeber auf die Hörner!
Aber das kann die Kreatur nicht, instinktgetrieben und auf Angriffslust gezüchtet rennt er wie blöde gegen das Tuch an.
Bis zu diesem Moment hat der Stier ein gutes Leben gehabt. Frei auf großen Weiden, gut behandelt. Nicht gemästet in Massentierhaltung wie die meisten Tiere, die ich esse.
Und er stirbt nicht anonym, sondern respektvoll wahrgenommen. Ehrenvoll?
Ehre. Menschliches Schönreden eines panischen, verwirrten, sterbenden Tieres.
Das durchchoreografierte Ritual dient dem Ego des kleinen Mannes, der sich groß und mächtig fühlen darf. Daß wir das nötig haben! Völlig überholt ist das doch!
Trotzdem, ich gebe zu, ich habe etwas gespürt. Mut – beim Matador und beim Stier. Dieses Aufbegehren, dieses letzte Stolpern nach vorne. Es hat mich erschüttert. Das kollektive Wedeln mit weißen Tüchern, um den Matador zu loben, der dem Stier mit sicherer Hand ein schnelles Ende beschert hat, beschert mir Gänsehaut.
Die Ehrenrunde des getöteten Stieres im Schlepptau der Pferde fand ich im einen Moment ehrerbietend und im nächsten zynisch.
Und dann der dünne Matador, dies Bürschlein, wie er blutbesprizt mit den Ohren des Stiers in der Hand im Kreis stolziert ist, und wie die Menge geklatscht hat, die Frauen haben Blumen und die Männer ihre Hüte geworfen. Die Hüte hat er geküsst und zurückgeschleudert.
Der Respekt der Männer und die Bewunderung der Frauen. Archaisch.
Der Stier war lebendig, stark, vital, als er in die Arena stürmte. Sehr beeindruckend. Zwanzig Minuten später war er tot. Vom blühenden Leben zum toten Kadaver, so schnell ist’s vorbei, krass. Und die Leute haben ihm stehend applaudiert. Das hat ihm dann auch nichts mehr genutzt.
Hey, wenn du das Tier wirklich respektierst, lass es leben!
Das Leben spüren angesichts des Todes. Das will ich. Dieser Kick ist es. Aber dieser rituelle Blutrausch?
Marina Abramovic. Drogen. Bunjee Jumping. Schwitzhütte. Fussball. Alles Alternativen.
Für mich: Steile Holperwege mit dem Fahrrad. Barfuß durch kalte Bäche waten. Fremde Menschen ansprechen. Mutproben, Kampf mit meinem inneren Stier.
Spannung, Angst, Erlösung.
Risiko, Schmerz und Präsenz.
Gut, es gesehen zu haben. Noch mal? Nein.