Strandidylle mit Kotorrückblick

Es ist der 11.6.24, wir stehen frei am Buljarica Strand. Ein wilder Strand, nicht durchkommerzialisiert. Im ersten Teil nach der Zufahrt ist das Gelände erst sehr hässlich vollgestellt mit verrottenden Wohnwägen, überquellenden Mülleimern, verfallenen Strandbars und eben solchen im Bau. Bässe dröhnen aus einem Lieferwagen. Wenn man an all dem vorbei fährt, wird es besser. Weniger Müll, die Bässe kaum noch zu hören, das Meer übertönt alles. In der Brandung rollen Kiesel.
Wir waren gestern in Kotor, dieser berühmten Weltkultur-und Weltnaturerbe Stadt. Früh sind wir dort angekommen, um 5 Uhr hatte uns ein Gewitter geweckt. Kurz und heftig hatte es auf das Dach geprasselt, das total staubige Wohnmobil war anschließend fast wieder sauber. Wir sind gleich aufgeblieben und die enge steile Passstraße von unserem hübschen Übernachtungsplateau unterhalb des Mausoleums heruntergefahren. 1300 Höhenmeter auf 25 km in 32 Kehren.

Der Reiseführer rät von der Fahrt ab, zu stressig sei es, wenn von unten Busse hochkämen. Deshalb gingen wir es so früh an, vor den Bussen. Das klappte auch. Nur fünf Pkw kamen uns entgegen.
Spektakuläre Ausblicke auf die Bucht.


Jo nimmt souverän und entspannt eine Kehre nach der anderen, ich mache oft die Augen zu und halte die Luft an, auf keinen Fall darf ich schreien, obwohl ich möchte, das würde den Fahrer erschrecken. Wieder mal staune ich, was Menschen bauen können.
Unten bekamen wir einen Platz zwischen vielen anderen Wohnmobilen direkt am Wasser in der Sonne. Schon um 7 Uhr war es heiß.

Ein paar Stunden lang trieben wir uns mit vielen anderen Menschen in den engen Gassen der wirklich schönen Altstadt herum.

Sie sieht aus wie Venedig  ohne Kanäle und ist autofrei. Alte Männer schieben Karren mit Bierfässern über das blank getretene Pflaster.

Restaurants kühlen die Luft über ihren Tischen mit Sprühwassernebel. Man kann kaum ein Foto machen, auf dem keine Menschen mit drauf sind.


Wir essen eine Pizza, die in die Hand verkauft wird, groß und gut, 3 € das Stück. Wir essen ein Eis, das besser aussieht als es schmeckt, 5 € für zwei Kugeln. Wir trinken Kaffee und genießen die relative Ruhe in der Seitengasse.
Wie machen wir weiter? Die Planungen der Route machen wir von einem Tag auf den anderen. Was wollen wir sehen? Welche Straße wählen wir? Wo kann man da übernachten? es ist immer gut, wenn der Plan für die nächsten zwei Tage steht. Was nicht heißt dass wir es so durchziehen. Vielleicht gefällt es uns ja nicht. Oder etwas anderes passt nicht. So wie jetzt. Wir hatten vorgehabt, mit den Rädern die Bucht von Kotor zu umrunden. 42 km wären das, aber jetzt schreckt uns der starke Verkehr ab. Viele Reisebusse, LKW, Motorräder, unzählige PKW, alle schlängeln sich in einem nicht abreißenden Strom diese Straße entlang. Wir nehmen Abstand. Was dann? Dort stehen bleiben? Wir haben schon genug vom Ort gesehen. Zum einfach nur dort stehen und den Kreuzfahrtschiffen beim Wenden zusehen, haben wir keine Lust. Wir wollen noch zum Skutarisee und an den Strand ganz im Süden, bevor wir wieder nach Albanien reinfahren. Lange studieren wir in besagtem Straßencafé die Karten. Dann brechen wir auf, fahren die Küstenstraße ab. Mehrere große Orte reihen sich nahtlos aneinander, der Verkehr ist dicht die Straße an vielen Stellen im Bau. Ein Kreisverkehr ist zur Hälfte geschottert. Schicke Hochhäuser stehen schon oder werden gerade gebaut. So hatten wir uns die Küste von Montenegro nicht vorgestellt. Es boomt hier, und das auf eine Weise, die unseren alten deutschen Augen weh tut. Die Strände unterhalb der Straße sind zugepflastert mit Liegen und Sonnenschirmen.
Als wir endlich der sinkenden Sonne zu sehen, dabei zu Abend essen und den lauten Wellen lauschen, sind wir beide maulig. Weil die Bässe der jungen Leute nebenan nerven. Weil so viele überquellende Mülltonnen herumstehen. Weil wir verschwitzt, übernächtigt, überreizt sind. Weil die Idylle, die wir suchen, nicht existiert.
Die jungen Leute entzünden ein Lagerfeuer.
Das Meer ist blau, die Luft ist feucht, die Sterne kommen raus.
Auf dem Wasser schimmert das Mondlicht. Die Silberlichtstraße des Mondes.

Am nächsten Morgen gehe ich früh spazieren, man kann lange am Kieselstrand entlanglaufen.

Ich lausche einem Rohrdrosselsänger, fotografiere Blumen. Gelber Mohn der zart, wie Linden duftet. Stockrosen und wilde Malven, Wurmlattich und Wegwarte, das Gestrüpp blüht, darin Bienen und Hummeln. Die Steine ähneln Holz, Schwämmen, Speck.

Am Ende der Bucht steht ein Hotel mit Campingwiese, da hätte man auch stehen können. Biker packen gerade zusammen. Auf einem Plateau oberhalb machen Frauen Kreistanz.
Die schwarzen Wolken die über den Bergen hingen, lösen sich auf. Die Sonne kommt heraus.

Zurück am Womo hat Jo den Kaffee fertig.

Abseits von Lärm und Müll
Knirschen Schritte im Kies
Steine aus Riffen
Steine aus hohen Bergen
einträchtig nebeneinander
von Wellen umspült
dahinter blüht gelber Mohn
singt ein Rohrdrosselsänger
Quakt ein Frosch
die Luft ist feucht und riecht nach Meer

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Edehigh

    Was für eine schöne Beschreibung! Zusammen mit den Fotos glaube ich fast selber dort zu sein 🙂

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