29.9.24 Im bebenden Land der Linsen und Würste

In Norcia ist ein Stadtfest.
Seit dem frühen Morgen dröhnen Disco Beats zu unserem Stellplatz unterhalb der Altstadt herüber, und hunderte Jogger laufen vorbei. Gestern Abend durften schon die Kinder laufen. Große und kleine Bambini rannten und schlurften und hinkten, sich teilweise die Seite haltend, angefeuert von filmenden Eltern und Großeltern die nasse Kopfsteinstraße entlang, um ein Werbeschild herum und wieder zum Platz des heiligen Benedikt zurück, dessen Geburtsstadt das vom Erdbeben 2016 stark versehrte Norcia ist.

Die meisten Geschäfte hat man nach dem Beben in gleichartige Holzhütten außen an der Stadtmauer entlang verlegt. Dort bieten jetzt alle an, was sie zu bieten haben: Wurst, Öl, Ledertaschen, Immobilien, Versicherungen, Haarschnitte, Spielzeug.

Innerhalb der Stadtmauer sind viele Häuser von tiefen Rissen durchzogen und stehen leer. Deren Fassaden sind im unteren Bereich mit bedruckten Zäunen zugestellt. Szenen der intakten Stadt sind abgebildet.
Die Renovierungsarbeiten sind in vollem Gang. Im Reiseführer lese ich: nach dem vorletzten Beben, 1997, hat es 20 Jahre gedauert bis alles wieder heil war. Dann kam 2016 schon das nächste Beben. Knapp alle 20 Jahre gibt es in dieser Gegend schlimme Erdbeben. Solche der Stärke 2 gibt es täglich.

Neues Gemeindezentrum der zerstörten Stadt


Bis auf das Gewummer der Bässe ist es still.  Es ist kühl, 15 Grad im Wohnmobil. Die Sonne löst die dicken Wattewolken auf, die im Tal liegen.

Stellplatz Castellucio

Gestern haben wir von Castellucio aus, wo wir auf dem Feld übernachtet haben, auf dem 2016 nach dem Erdbeben die Dorfbewohner in eilig errichtete Zelte eingezogen sind, eine Radtour gemacht. Die geplante Route hätte durch die flache Ebene des Piano Grande geführt – ein Kessel, von den 2000 m hohen Sibillinischen Bergen  umstanden, ein ehemaliger Karstsee, in dem vor allem Linsen angebaut werden – doch nach dem nächtlichen Regen sind viele Pfützen zu sehen, so dass wir die Teerstraße wählen und den Pass hoch radeln über den wir gestern gekommen sind.

Passhöhe

Es ist windig, von Westen quellen Wolken über die Berge. Die kahlen runden Berge sind perfekte Projektionsflächen für die Licht und Schattenspiele von Sonne und Wolken. Man kann sich nicht satt sehen.

Abgeerntete Felder schimmern lila. Die Pflanzen-App weiß Bescheid: Hohlzahn heißt das niedrige Kraut mit den kleinen lila Blütenkelchen. Aus den Samen kann man ein Öl zu Lederpflege gewinnen.

Hohlzahn

Der Wald in Italienform klebt noch immer am Hang. Gestern hatte ich noch den Zufall bestaunt, heute weiß ich durch Netzrecherche, dass es ein Land-Art Projekt aus den 1960er Jahren ist, da sind die Bäume in Landkartenformation gepflanzt worden.

Italienwald

Die Schafe, die gestern von ihren Hütehunden in den Pferch getrieben wurden, und wie ein Fischschwarm über den Hang sausten, grasen heute reglos.
Am Pass biegen wir in die Berge ab. Auf drei Kilometern  ist ein guter Weg angelegt, er führt zu einer Aussichtsplattform.

Kurz danach wird der Weg zum Single-Trail, ich sehe nicht wie man den radeln könnte. Ein stummer Radler strampelt an uns vorbei und nimmt den holprigen Steig in Angriff. Laut Karte sind es 7 km bis wieder ein Fahrweg kommt.

Wir kehren um, was gut ist, denn es beginnt zu regnen, und als wir zurück am Womo sind, sind wir klatschnass.
Castelluccio ist noch kaputter als Norcia. Die letzten paar Bewohner leben in Wohncontainern am Hang. Drei Baukräne ragen über dem Dorfhügel auf.
Am Marktplatz sind in Bretterbuden ein paar Läden untergebracht. Wir wollen Linsen kaufen. Im Laden ist es heimelig warm. Eine kleine Gesellschaft sitzt um einen langen Tisch versammelt im engen Raum, wir werden freundlich begrüßt und in einem Kauderwelsch aus Italienisch, Französisch und Englisch über die Zubereitungsarten der verschiedenen Linsensorten aufgeklärt.

Laden in Castellucio

Mit einer großen Tüte voller Hülsenfrüchte, Wurst und Keksen an Bord fahren wir weiter, eben nach Norcia.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. ilweiss741d9d2c27

    Sehr intensiv und voller Wolken, diese Italien Bilder. Wunderbar

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