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Abstecher in die Vergangenheit

1984 waren wir schon einmal hier, Jo und ich. Ich erinnere mich an das wogende Grün auf dem großen Fluss von Bangkok.
Ich erinnere mich an kleine geduckte Holzhäuser mit schwankenden hölzernen Bootstegen, an denen Gemüseboote anlegten und an bunt gekleidete  Frauen mit großen Strohhüten, die Mangos, Jackfruits, Kräuterbündel und allerlei mir bis dahin Unbekanntes den Käuferinnen am Pier hinaufreichten.

Wie hat man das gemacht, ohne Smartphone, ohne Übersetzer App?  Wir haben eine schwere Kamera herumgeschleppt und einen dicken Reiseführer, Southeast Asia on a Shoestring, Lonely Planet, 1000 Seiten. Wie haben in Hostels übernachtet und mit anderen Travellern Tipps ausgetauscht. Wir hatten Zeit, vier Monate, da kam es auf einen Tag nicht an. Damals haben wir Dias gemacht, 30 Stück auf einem Filmstreifen. Die Döschen wurden gesammelt und daheim zum Entwickeln gegeben. Ich erinnere mich an die Aufregung beim Öffnen der Verpackung und beim ersten Sichten. Sind sie was geworden? Kommen die Farben gut raus, stimmt die Belichtung, sind sie scharf? Die Einstellungen machte man damals manuell. Heute geht’s automatisch und KI sorgt für alles. Von den 900 Dias, die einzeln geschnitten und gerahmt wurden, haben wir heute die, auf denen wir abgebildet sind, digitalisieren lassen. Alle anderen, inzwischen nichts sagenden Aufnahmen von Landschaften, Strassenszenen und Häusern haben wir weggeworfen. Ein paar Bilder sind im Kopf geblieben. Die wogenden Seerosen auf dem Fluss, der Spaziergang durch den Dschungel mit Flipflops, die bunte Vielfalt der Früchte auf einem Markt, das ärmellose grüne Baumwollkleid, das ich mir gekauft hatte, die Schweißtropfen, die mir unablässig vom Hals zwischen die Brüste rannen. Vor allem ist die Erinnerung an das Gefühl von Freiheit geblieben, von Änstlichkeit bei gleichzeitiger Zuversicht, von Zeitlosigkeit.

Ich erinnere mich nicht an moderne Hochhausfassaden in denen sich andere Hochhäuser spiegeln. Die gab es damals noch nicht.


Ich erinnere mich nicht an schwimmendes Plastik auf dem großen Fluss. Jetzt sieht man Styroporplatten und Plastikflaschen herumdümpeln. Vier Millionen Kilogramm Plastik werden jedes Jahr aus dem Fluss gefischt.


Auf einem Stück Treibholz steht elegant und weiß ein Reiher inmitten des dichten Bootverkehrs, unbewegt. Ist der echt oder aus Plastik, fragt man sich. Speedboote rasen vorbei, Busfähren werfen hohe Wellen auf, aus blumengeschmückten  Ausflugsbooten versuchen Touristen in knallorangen Schwimmwesten den Vogel zu fotografieren. Dieser hebt wie eine Primaballerina ein Bein und dreht seinen Kopf ins Profil.


An den Landestegen und auf den Fähren scheuchen die Beschäftigten der Fährlinien die Touristen hirtenhundgleich mit Pfiffen, Schreien und grimmigen Gesichtern die Treppe hinunter unter Deck. Nicht an der Reling stehen bleiben, auch nicht für ein kurzes Selfie, auch nicht zum Schauen, sie könnten ja auch ein teures Ausflugsboot buchen, aber nein, viel Geld ausgeben wollen sie nicht, aber trotzdem alles fotografieren und am liebsten einen Sitzplatz. Nichts gibt’s, weiter weiter, eng zusammen rücken, jetzt hier nicht grasen,  weiter geht’s!

Am Nachmittag geht’s weiter nach Chiang Mai. Für halb eins haben wir das Taxi bestellt. Wir wollen noch Boot fahren. Einmal mit dem Bus Boot bis zur Endstation und zurück. Auf diese Weise noch was sehen von der grossen Stadt. Alles dauert länger als gedacht, so dass wir sehr knapp zurück sind. Das Taxi steht schon da, der Fahrer drängt zur Abfahrt. Tilman bestellt uns noch rasch einen Matcha-Latte auf Eis, unser neues Lieblingsgetränk. Es dauert. Vier sitzen im Taxi, einer fehlt. Nach nervigen mindestens fünfzehn „only one minute“ kann es endlich losgehen. Der Fahrer fragt nach der Abflugzeit und schaut besorgt. „To Chiang Mai“ beruhigt ihn, „then you have time“. Es wird trotzdem knapp, wir stehen im Stau. Weiteratmen. Neben dem Auto geht züngelnd ein Waran spazieren, Störche kreisen über und sitzen in Baumwipfeln. Endlich am Flughafen sausen wir zum Gate, checken ein und heben bald ab. In der Luft gibt’s ein feines Chicken Wrap und schon landen wir wieder.
Unsere Unterkunft liegt direkt am Ping Fluss, es gibt einen großen Garten und einen Pool.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. lorenzbomhard

    Wow, zurück nach 41 Jahren, wunderbar beschrieben. Am meisten Einblicke in den Moloch hatte ich auf den schnellen Linienbooten, die abseits der edlen Straßen auf Kanälen durch prekäre Viertel rasen. Auch dort ersticken die Menschen im Plastikmüll. Liebe Grüße von Nürnberg-Ost nach Fernost

  2. Edehigh

    Total spannend – was bleibt von den vormals besuchten Orten, in Dia- Schachteln u. der Erinnerung?

    Zu spüren, ob es ‚andere Wertigkeiten‘ gibt bzw. welche. Das Momentane, direkt Spürbare ….. am ’selben‘ Ort ist sooo kräftig, sagt jmd, der ca. 25x in Venedig war …..

    Danke für Text u. Fotos!! 🙂

  3. charlottgreen

    Alles so schön erzählt, ich lese es gern. Hier vor den Fenstern Dauerregen, morgen wieder Frost.

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