Wir fahren die enge Straße zum 1700 Meter hohen Monte Amiata rauf. Unsere App hat dort oben einen Stellplatz angezeigt. Mit Bildern von weiter Aussicht im Kopf schlängeln wir uns durch dichten Wald. Hier regnet es oft, jetzt auch. Schlingpflanzen ranken in Kastanienkronen, Moos bedeckt Felsbrocken. Ganz oben wächst dichter Buchenwald, gleich fühlen wir uns wohl. Immer wenn es wie daheim aussieht, geht uns das Herz auf. Aber wir wollen noch nicht Zuhause sein, zumal das hier dem aktuellen deutschen Wetter sehr nah kommt. Die gewünschte Aussicht wird nicht geliefert, Netz gibt’s auch nicht. Also wieder runter.
Unseren Platz für die Nacht finden wir vor der Häuserwand von Arcidosso. Man steht gut und sicher auf Schotter. Die Bordküche serviert gefüllte Nudeln und Tomatensalat mit Büffelmozzarella.


Am nächsten Morgen laufen wir steile Treppen hoch in den völlig untouristischen Ort und sind verzückt. Alles hat Patina, ist malerisch, pittoresk, romantisch.

Warum finden wir das, was wir sehen, so schön?
Meine emsländer Verwandtschaft würde sagen: kuckma, da musse abbama aufräumen und neu verputzen. Dat ganze Unkraut inne Ritzen, wie sieht dat denn aus? Und macht doch auch die Mauer kaputt..
Und mein Vater hätte gesagt: abreißen, zuschütten, Garagen drauf bauen.
I’ve come a long way.
Wie lebt es sich in diesen steinernen, steilen Orten? Kein Gang zum Laden, zur Nachbarin ohne Treppen. Die sind ausgelatscht und bei Regen rutschig. Keine Gärten, das Grünzeug wächst in Tontöpfen. Bröckelnde Fassaden, in denen Gräser und Kapern Halt finden, kleine Fenster. Bestimmt ist es dunkel und feucht in den Häusern. Wie wird geheizt? Vielleicht mit Strom. Oder mit Holz. Das muss dann geschleppt werden..
Leben wollen wir hier nicht. Aber es ist alles so hübsch! Ja was denn nun genau? Und warum?
Häuser und Wege bestehen aus dem gleichen Stein. Die Wände sind unverputzt. Naturbelassen, ursprünglich. Ist es das? Die vielen Stufen und Hausecken bieten dem Auge Halt, es entdeckt Muster und Symmetrien, erfreut sich an den scharfen Konturen, die im klaren Licht leuchten.
Die alternde Fassaden zeigen Spuren der Zeit, der Vergänglichkeit. Das mögen wir. Finden es echt, individuell, authentisch, irgendwie tröstlich.
Verfall als würdevoller Ausdruck von Geschichte und Identität. Was wäre das schön, wenn wir auf uns selbst auch so schauen könnten. Ein altes Steinhaus, schön von der Zeit gezeichnet, einladend, Geborgenheit ausstrahlend und irgendwann zur Natur zurückkehrend.
Sinnierend und angeregt streifen wir durch die Gassen, versuchen mit den Kameras die Schönheit einzufangen.





Nun wollen wir ans Meer. Aber erst noch in die Alta Maremma, Der Gebirgszug, von dem aus man auf die ehemalige Sumpflandschaft herunterschauen kann.
In Roccatederighi wollen wir auf der Wiese vor Sportheim und Trüffelsuchhundeschule übernachten. Ein Schrebergärtner beäugt unser Parkmanöver – etwas vor, mehr zur Seite, jetzt wieder zurück – bis die Karre gerade steht. Jo fragt in bestem italienisch um Erlaubnis. Alles gut.

Die Kastanien sind reif. Wie kleine grüne Igel liegen sie unter den ausladenden Bäumen und pieksen übel in die Finger, wenn man die braunen Früchte rausklauben will. Das wird nix mit den gebackenen Maronen.
Da laufen wie doch besser in den Ort und fangen wieder Schönheit ein.

Wir wollen in einem Lokal essen, dass der Reiseführer empfiehlt und das in einer TV Reportage vorgestellt wurde. Leider ausgebucht. Wir könnten draußen sitzen. Aber es ist kühl. Die Wirtin bietet uns an, um 19 Uhr einen Tisch in den Durchgang zu stellen. Wir nehmen erfreut an und nutzen die verbleibende Zeit um der Sonne vom namensgebenden Felsen aus beim Sinken zuzusehen.






Punkt sieben sitzen wir im Lokal auf Barhockern an Stehtischen mitten im Gang wie die Alten in der Muppet Show und überwachen das Kommen und Gehen. Wir phantasieren wer mit wem verwandt, wer Touristin und wer Einheimischer ist und was die Leute beruflich machen.


Wir haben richtig Hunger und bestellen Bruschette, Salat, Papardelle mit Wildschwein Ragout, Gulasch mit Kartoffeln und Bakalau in Tomatensoße.
Man bringt uns zwei halbe geröstete Weißbrot Scheiben mit einer ungeschälten Knoblauchzehe. Echt jetzt? So sieht Bruschette im Sternelokal aus? Cool gucken, aufessen.
Na ja, das war nur die Überbrückung. Die haben uns wohl den Kohldampf angesehen.
Dann kommt die echte Bruschette.

Alles köstlich. Nach dem üppigen Mahl rollen wir uns im Stockdunkeln den Berg rauf zum Schlafbus und sind satt bis zum darauf folgenden Abend.
Schöner Eintrag!
Die maroden Häuser, das Erlebte, das man meint ihnen anzusehen, machen so Lust auf Verweilen. Wunderbar, inklusive Essen :-).