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Nordstrand

Unterwegs nach Nordstrand liest die Beifahrerin  dem Fahrer aus dem Reiseführer über Husum vor, das heimliche Zentrum Schleswig-Holsteins.

Touristisches Zentrum der Stadt ist das alte Hafenbecken, in das zweimal am Tag die Flut strömt und die Schiffe aus dem Schlick hebt.

Beifahrerin: „Oh, so eine Flut, die mich zwei mal am Tag aus dem Schlick hebt, wünsche ich mir auch.“

Die alte Slipanlage der Werft blieb erhalten.

Fahrer: „so eine alte Slipanlage habe ich auch.“

Sie beherbergt den historischen Tonnensegler Hildegard.

Beide: „HILDEGARD! Der Tonnensegler Hildegard wohnt in der historischen Slipanlage!“

Man lacht Tränen. Und dann kommt es noch doller.

Einen nennenswerten Schiffsverkehr gibt es im historischen Binnenhafen allerdings nicht mehr.

An dieser Stelle müssen die Reisenden kurz anhalten, um sich wieder zu sammeln.

In Husum ist gerade Feuerwehrfest. Es gibt Fischbrötchen mit rosa gebeiztem Matjes und zwei langarmelige T-Shirt, die, weil Sommer ist, zu Hause gelassen und nun doch, weil Wind ist, vermisst werden.

Auf dem Campingplatz Nordstrand wird jeden Tag von elf bis eins klar Schiff gemacht. Man kann dann nicht duschen, nicht abwaschen und auch nicht aufs Klo. Nur aufs Notklo. Eins für alle. Nun haben aber gegen elf alle ihren zweiten Kaffee auf und müssen mal. Man steht Schlange und bumpert an die Tür, um den jeweiligen Klonutzer zur Eile zu mahnen.

Für den Fahrer des Aufsitzrasenmähers ist das Rollgrasgrün eine Rennbahn. Rasant kurvt er röhrend darüber hin und stört sich nicht an frühstückenden Rentnern. Ein paar Meter weiter wird ein Fasshaus abgeschliffen.

Um 13 Uhr kehrt schlagartig Stille ein. Dann herrscht Mittagsruhe bis 15 Uhr.

Nach 22 Uhr ist duschen verboten und der Duschraum abgeschlossen. Wer dann am Handwaschbecken im Klotrakt Zähne putzt, tut was Verbotenes. Ein Zettel weist darauf hin, dass hier NUR HÄNDE  gewaschen werden dürfen. Rebellische Camper reißen den Zettel ab. Am nächsten Tag ist er wieder da, ergänzt durch eine weitere Anordnung: DIESER HINWEIS WIRD NICHT ENTFERNT!

Seit 1971 gibt es den Platz. Die Wohnwagen von damals wurden durch Wohnmobile ersetzt, sonst hat sich nichts verändert. Die Mobile parken parallel der Rasenkanten auf Schotter, alle ordentlich nach Norden ausgerichtet.

Hinterm Platz ist Oben, der Ort hinterm Deich. Ein paar reetgedeckte Häuschen säumen eine höher gelegte enge Straße, die durch Felder führt. Wenn das Meer kommt, bleiben die Häuser hoffentlich über Wasser. Das Meer kam schon oft und jede Sturmflut hat Land weggerissen. Die Deiche wurden immer weiter erhöht.

Treibholzkunst

Auf dem Teich grasen Schafe ohne  Hütehunde. Hier gibt es nichts, wovor ein Hund schützen könnte.

Bei Ebbe spiegelt sich das Licht im Schlick. Bei Flut branden braune Wellen an Ufersteine. Der Wind durchdringt alle Kleiderschichten.

Weit draussen im Meer steht auf einer Hallig ein einsamer Hof. Bei Ebbe kann man mit einem Führer durchs Watt hinwandern.

Wir radeln gegen den Wind, zählen die Schafe, saugen die klare Luft ein, beobachten Kite-Surfer, loggen ein paar Geocaches, einer ist in einer Vogelbeobachtungshütte. Da sitzen drei Fotografen mit riesigen Objektiven still wie in einer Kirche und fotografieren ENTEN.

Kite- Surfer
Eisenbahn durchs Watt zur Hallig
Geocacher am Werk
Man fotografiert
Enten

Auf dem Rückweg endet der gewählte Weg vor einem Gatter: Betreten verboten, Vogelschutz. Wie zögern kurz und fahren hindurch. Keine Vögel zu sehen, nur ein paar Schwäne gleiten ungerührt dahin.

Zurück am Meer bewundern wir das Lichtspiel bis die Sonne abtaucht.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Michael

    Der Campingplatz ist ein Traum… Da kommt man hin, wenn man in die Hölle kommt.

  2. Lorenz

    Ja, Zettel verschwinden leicht, an einem solchen Platz, der sogar den Widerstand einer Nacktschnecke provoziert, ob der unsäglichen Traditio, und dies zu lesen, am Tag, als sich die Wehrpflicht zurückschleicht, lässt meine Krallen wachsen.

  3. Ilse

    Köstlich, die Slipanlage.
    Ich grüße hinüber aus Polen, eben noch in Gdansk, bald Thorn.
    Ein altes, oft gepeinigtes und geteiltes Land.
    Die Polen fürchten die Russen, die so nah sind, hier verändert sich die Perspektive.

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