The Wind is in from Afrika

Last night I couldn’t sleep (Joni Mitchell). Am 20. Juni ist die Hitze aus Afrika da. Die Luft ist dick und trüb. Früh um neun ist es schon 30 Grad. Das Thermometer soll auf 39 Grad steigen. Das reduziert uns auf die schiere Existenz. Trinken, Liegen, Atmen. Wir wollten doch weiter in den Süden! Aber da ist es noch wärmer. Was tun? Früher als geplant gen Norden fahren? Ans Meer zurück in den Pinienwald? Oder cruisen und das Land aus dem klimatisierten Auto heraus ansehen?
Gerade im Moment ist es angenehm. Ein wenig warmer Wind weht. Der Baumliguster duftet süßlich. Die Schirmakazie, unter deren ausladender Krone wir stehen, wirft ihre verblühten klebrigen Blüten ab, ein Weidensperling tschilpt, Tauben gurren, mindestens fünf Hähne krähen um die Wette.

Ich schaue auf einen akkurat angelegten Gemüsegarten: Tomaten, Paprika, Auberginen, Melonen, Zwiebeln. Das wird im Restaurant nebenan auf den Tisch kommen. Der Platz ist durch eine graue Mauer vom benachbarten verlassenen Fabrikgelände abgegrenzt.

Als wir gestern aus den Bergen hier auf dem Camping Paradies nördlich von Shkodra angekommen sind, stand eine junge Französin mit ihrem weißen kleinen Van neben uns. Sie parkte dort um  ihre Wäsche zu waschen. Dann wollte sie weiterfahren an einen Fluss, weil sie sich die Übernachtungskosten sparen will. Ihr Budget soll bis Dezember reichen. Seit April sei sie unterwegs, erzählte sie mir, sie habe ihren langweiligen Job als Buchhalterin aufgegeben. Auf keinen Fall wolle sie nach dem Trip in den Job zurück. Stolz zeigte sie mir das Innenleben ihres ein-Frau-Vans, den sie selbst ausgebaut hat. Ich fand es anheimelnd und war beeindruckt. Die Wände sauber verkleidet, alles weiß und hellgrau gestrichen, der Boden mit dunkelbraunem Parkett belegt. Eine Küchenzeile mit großer Spüle, die auch als Waschbecken dient, darunter Schranktüren, hinter denen sich das Trockenklo verbirgt. Im Heck ein Querbett, dass untertags zur Hälfte umgeklappt wird und Platz frei gibt für eine vis-a-vis Sitzgruppe mit ausziehbarer Tischplatte. Die Krönung ist die Dusche. Die junge Frau zog eine Art Planschbecken aus einem Winkel des Busses und deutete auf die Haken rund um die Dachluke. Da macht sie den Duschvorhang fest, stellt sich in das Planschbecken, stöpselt den Brauseschlauch an der spüle an und los geht’s. Super.

Sie wolle weiter nach Griechenland und Bulgarien und dann in die Türkei. Nein, sie habe keine Angst vor den türkischen Männern. Da wurde mir mulmig. Ich erinnerte mich an die vielen Belästigungen in der Türkei. Sobald Jo nicht in Sichtweite war, bekam ich  anzügliche Angebote. Das war 1984, vielleicht ist es heute anders. Ich hoffe es für die junge Frau. 
Für unsere nächsten Tage tüftelt Jo eine CruisingTour aus, die 400 km und viele Kurven hat, und uns durch die Mitte des Landes führen wird. Mittags brechen wir auf, bei 36°.


Der Weg führt durch die Stadt Shkodra.

Im Vorbeifahren entdecken wir einen Markt und stoppen spontan, um uns das bunte Treiben anzusehen. Riesige Tomaten für 50 Cent das Kilo. Walnüsse, Aprikosen, Kirschen, viel Gemüse, freundlich lächelnde Gesichter von älteren Frauen und Männern. „Woher?“ fragen einige, und immer wenn wir „Deutschland“ sagen, gehen alle Daumen hoch. „Deutschland super“!


Jo will einen Käsestand mitsamt der Marktfrau fotografieren, sie schaut brummig. „She doesn’t Like it!“ fährt mich eine Passantin an. Ich nehme ihr den Wind aus den Segeln, indem ich sie bitte,  die Käsefrau zu fragen welcher Käse aus Schafs- oder Ziegenmilch ist.  Verschiedene Sorten  werden mir zum Probieren auf einem grossen Messer gereicht. Ich kaufe ein Pfund köstlich rahmigen Ziegenkäse.
Die Vermittlerin ist Englischlehrerin, erzählt sie. Sie sei nie in Deutschland gewesen, aber sie höre von Leuten, die da waren, nur Gutes. Und dass man viel arbeiten muss, das höre sie auch. Sie selbst habe auch ihr Leben lang viel gearbeitet. Die Töchter sollten auf eigenen Füßen stehen können. Leider habe das den Preis gehabt, dass die Töchter die Mutter wenig gesehen haben.
Sie will wissen was wir beruflich machen und übersetzt die Antwort für die umstehenden Frauen. In Deutschland seien die Männer mit Mitte 60 noch fit, meint sie mit einem Blick auf Jo.
Wo wir noch hin wollen in Albanien, fragt die Englischlehrerin. Jetzt wollen wir nach Burrel, sage ich und alle Frauen zucken zusammen und schauen verständnislos. Später verstehe ich das. In Burrel waren während der Diktatur Oppositionelle inhaftiert. Wir wollen dahin, weil dort ein besonderer Camping Platz ist, ein soziales Projekt.
Die Käseverkäuferin will immer noch kein Foto von sich machen lassen, was die Englischlehrerin rügt. Die alten Leute müssten da geschmeidiger werden, es gefalle den Touristen, Fotos von Straßenszenen zu machen. Und die Touristen helfen dem Land, wenn sie kommen. Dann versieht sie uns noch mit Reisetipps und verabschiedet sich.
Wir trinken in einer der vielen Straßenkneipen einen Kaffee und eine Fanta. Unter dem Fernsehschirm, auf dem gerade Slowenien gegen Serbien läuft, daddelt ein junger Mann auf seinem Handy, er hat den albanischen Flaggenadlers auf den Oberarm tätowiert. Nur Männer sitzen in den vielen Straßenkneipen. Was machen die Frauen?


Zwei Stunden lang fahren wir klimatisiert durch landwirtschaftlich geprägte Gegend nach Süden zu einer Lagune, wo wir zu Abend essen.

Für die Gäste gibt es einzelne kleine Holzhütten auf Stelzen im Wasser.

Durch die Panoramascheiben ist man vor Wind und Mücken geschützt, eine Klimaanlage kühlt die Hütte herunter. Sehr sehr angenehm.

Bücksken stramm..

Wir könnten dort auch übernachten, aber wir ziehen noch weiter, 20 km landeinwärts, zu einer froschquakenden Campingwiese am Fluss, dem wir am nächsten Tag beim Verdunsten zusehen werden.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. charlottgreen

    Ihr scheint verdammt weit weg zu sein…

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