Im Tal von Paul

Um 7 Uhr schaue ich am Tresen unserer offenen Küche mit dem Blick ins Tal von Paul dem Hell werden zu. Tief unter mir rauscht der Bach. Mein Blick fällt auf vier Menschen bei der Zuckerrohrernte. Das scharfe Geräusch der brechenden, saftigen Stängel, die an ausgewachsene Maispflanzen erinnern, dringt bis zu mir rauf. Die Kaffeemaschine hat den Kaffee fertig gekocht, er schmeckt säuerlich. Er wird hier im Tal angebaut. Das Wasser muss man kaufen. Obwohl im Tal reichlich Wasser fließt soll man es nicht trinken. Vermutlich läuft von allen Häusern, so wie von unserem, das Abwasser direkt ins Tal hinunter.


Die Sonne ist noch nicht über den Berg gestiegen, bescheint aber schon die Spitzen auf der anderen Seite.
Gestern sind wir durch das Tal ins obere Dorf gelaufen. Dabei kamen uns etliche schwer bepackte Einheimische entgegen, die die Partyutensilien der Weihnachtsfeier zurück zur Straße schleppten. Sehr gerade, muskulöse Rücken, Badelatschen an den Füßen, ein Bergvolk.
Als wir am Ende der Tour zurück waren, wurde unten im Tal ein Schwein ans Wasser gezerrt, es schrie erbärmlich. Dann war es eine Weile sehr still. Als das Grillfeuer angezündet wurde, erschallte laute Partymusik.
Auf dem Weg durchs Tal läuft man zwei Stunden an Häuschen der Einheimischen vorbei. Geduckte, mit Zuckerrohrstroh gedeckte Steinbauten, meist nur ein Raum inmitten eines kleinen, mühsam angelegten Gemüsegartens. Tomaten, Kohlrabi, Möhren, kleine Pflänzchen, eben gesetzt. Ich hatte erwartet, dass man hier, wo es immer warm ist, gleichzeitig pflanzen und ernten kann. Aber reife Tomaten habe ich nicht gesehen. Bananenstauden, ausladende Mangobäume und Papayapalmen gibt es viele. Kaum etwas ist reif.


in den kleinen Läden an der Straße, den Mercerias, die wie alte Apotheken aussehen – ein langer Tresen, dahinter die Waren in deckenhohen Regalen, gibt es nur haltbare Sachen. Wasser, Erbsen und Thunfisch in Dosen, Öl, Salz, Kaffee, Bier. Vielleicht Kartoffeln und Zwiebeln, vielleicht ein paar Tomaten, ein paar Eier. Brot nur wenn der Lieferwagen aus dem Tal kommt, und das sind dann eingeschweißte Pappsemmeln. Kein Käse, keine Wurst, keine Haferflocken, kein Obst, kein Gemüse. Das ist ungewohnt für mich Supermarkt- verwöhnte Europäerin. Und es macht demütig.

Gegenüber ist das O Curral, ein Biohof mit angegliederten Restaurant, laut Internet kann man da Obst und Gemüse kaufen. Aber nein, sie brauchen alles selbst auf, erzählt die deutschsprachige Wirtin, Tochter des verstorbenen Alfred Mandel, der als Tourismuspionier in den 1980er Jahren auf die Kapverden kam. Heute sei der erste sonnige Tag seit zwei Wochen, der Saharasand habe das Tal so verdunkelt, dass die Bananen nicht reifen.
Französische und deutsche Wandergruppen kehren im O Curral ein. Man kann sich vom Hafenort oder von Ribera Grande an der Nordküste im Insel inneren am Kraterrand des vor 2 Millionen Jahren erloschenen Vulkans Cova Grande absetzen lassen und dann in sechs Stunden durchs Tal von Paul zur Küste hinabsteigen.

Das tun Viele. Wir nicht, denn von hier aus, mitten in diesem Tal, ist es zu weit für die Taxifahrt. Wir hätten besser in Ribera Grande oder in Punta do Sol Quartier genommen, so wie alle anderen auch, da wäre der Transport einfacher und man könnte bestimmt auch mehr einkaufen.

Aber dann hätten wir kaum Einblicke in das Leben der Menschen im Tal bekommen.

Fürs Frühstück habe ich Kartoffeln aufgesetzt. Dazu wird es Eier geben, Thunfisch aus der Dose, Pappbrötchen mit Nutella.
Unser Weihnachtsessen war gestern Abend. Bei Adi und Juju. Das kleine Lokal mit der offenen Terrasse hoch über dem Tal haben Jo und ich vorgestern entdeckt, am Tag der Anreise, als wir, auf der Suche nach einer Einkaufsmöglichkeit, alle Restaurants hatten geschlossen am ersten Weihnachtstag, die steile Straße in den oberen Ort gelaufen sind.
Da war richtig was los.

Viele herausgeputzte Leute umstanden einen Kicker, einer trug einen Trainingsanzug mit BvB Label – I love Dortmund! – laute Musik beschallte das Tal, ein Laden hatte geöffnet, wir bekamen Zwiebeln, Knoblauch, Öl, Salz und Dosenerbsen, das wurde zusammen mit Reis unser Weihnachtsessen. So wenig kann so glücklich machen. Bei Adi und Juju bekamen wir ein Bier, obwohl sie geschlossen hatten, und wir meldeten uns an für den zweiten Feiertag.


Das Essen war ganz vorzüglich. Jede Menge Thunfisch in köstlicher Soße, ein Gemüse aus Maniok und Möhren, gewürzt mit Oregano, eine Salatplatte, dazu Reis.

Zum Nachtisch das leckerste Eis aller Zeiten, homemade. Wir bestellten alle fünf vorhandenen Sorten. Limone, Maracuja, Banane, Biskuit, Kokos, alles großartig. Dann erstanden wir Freundschaftsbändchen, die werden von Diego angefertigt dem 12 jährigen Sohn des Hauses. Weil uns nur vier der vorhandenen Bändchen gefielen, fertigte er rasch ein fünftes für uns an.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. charlottgreen

    Klingt nach zwei Weihnachtsessen, das eine üppig, das andere karg, die nicht in Vergessenheit geraten werden, anders, als die zahllosen bisherigen Karpfen und Gänse….
    Es sieht alles so karibisch-afrikanisch- hawaianisch ist. Fremd und schön.

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