Stell dir vor: das alleinreisende Seniorenpaar hat jetzt eine Nichte!
Das kam so:
An einem heißen schwülen Nachmittag trieb sie der Kaffeedurst aus ihrem klimatisierten Zimmer am See. Vorne an der Straße hatten sie einen Coffeeshop entdeckt. Zehn Minuten Fußweg, das sollte zu schaffen sein.
Eine Frau mit Kurzhaarschnitt, eine ungewöhnliche Haartracht für Frauen in diesem Land, begrüßte sie mit strahlendem Lächeln. Ein wolliger kleiner Hund wand sich schwanzwedelnd um ihre Füße. Ein von der Straße gerettet Welpe würde kurzerhand der Kaffeedurstigen in den Arm gelegt.

Während die Frau den Kaffee zubereitete, erschienen weitere Menschen: eine junge Frau: die Tochter, eine ältere dicke Frau, eine weißhaarige Oma. Alle freuten sich über die Anwesenheit der Deutschen.
Für die Unterhaltung wurden verschiedene Kanäle genutzt: die Tochter sprach einigermaßen Englisch, die dicke Frau war vor 30 Jahren als Au- pair Mädchen in München gewesen und sprach ein wenig Deutsch, der Google-Übersetzer kam zum Einsatz.
Die 26-jährige Tochter hat Psychologie und Agrarwissenschaften studiert, wollte jetzt in Doha eine Praktikumsstelle antreten, was wegen des Krieges nicht geht. Sie langweile sich, erzählte sie.
Und jetzt pass auf: wenn die Reisenden mögen, würde sie Ihnen einige schöne Plätze zeigen, sie würde sich freuen. Morgen vielleicht?
Das konnten die Gäste schlecht ablehnen. Die junge Frau strahlte, als sie zusagten.

„Und danach lade ich euch zum Essen ein.“ Das kam von der Mutter.
„Ich komme auch,“ sagte die ältere Frau. Wieder war Ablehnen keine Option.
„Dann würde ich gerne helfen,“ sagte die Reisende.
„Ja, ja, da lernst du Sri Lanka cooking!“ Damit war das Programm für den nächsten Tag klar.

Es entsprach nicht der Art und Vorliebe unserer Reisenden, tief in das Privatleben der Gastgeberinnen einzutauchen. Deshalb gingen sie am Folgetag mit gemischten Gefühlen zu ihrem Date. Wie würde man sich unterhalten? Worüber? Was könnten die Gastgeberinnen von ihnen erwarten? Gab es versteckte Anliegen? Schon beim Kaffee hatte Ex-Aupair Mangelika erzählt, sie wolle gerne nach Deutschland und dort als Altenpflegerin arbeiten. Da hatten bei dem Paar schon die Alarmglocken geläutet. Mangelika war 57, ohne Ausbildung, mit schlechtem Deutsch. Die Chance, in Deutschland online einen Arbeitsvertrag zu bekommen, mit dem sie ein Visum beantragen könnte, wäre gleich null. Vielleicht würde das Paar Hoffnung auf Hilfe enttäuschen müssen. Gerne hätten sie jetzt gekniffen, aber nun mussten sie da durch.
Shalini, so heißt die Tochter des Hauses, brachte die Reisenden bei einem Spaziergang zu einem versteckten Tempel, der für Touristen nicht zugängig war. Sie bewegte sich ganz selbstverständlich über das Tempelgelände. Ein schöner stimmungsvoller Ort, still und duftend.





Danach ging es zu einer Schildkrötenschutzstation. In gemauerten Becken schwammen große Schildkröten, die durch Schiffsschrauben verletzt worden waren. Einer fehlte ein Bein, der anderen sogar zwei. Sie würden dort behandelt und, falls möglich, wieder ins Meer gebracht. Oder in Hikkaduwa am Strand ausgesetzt, wo sie als Touristenattraktion gefüttert werden. Auch zwei wunderschöne gesunde Jungtiere schwammen munter im viel zu kleinen Becken herum. Warum die dort waren, wusste Shalini nicht.





Bei Sonnenuntergang fütterte
sie am Strand die homeless dogs. Sie erklärte, daß einige Anwohner den Tieren Essen bringen. Sie seien Buddhisten, da mache man das.


Zurück am Coffeeshop waren die Essensvorbereitungen in vollem Gang.


Dagmar durfte Jackfruit, Kartoffeln und Tomaten schneiden, Gewürze rösten, Kokosmilch pressen, in Töpfen rühren und war völlig in ihrem Element. Mit viel Spaß und großer Selbstverständlichkeit kochten die Frauen miteinander.



Jo und der Familienvater schauten zu und richteten zum Schluss den Esstisch her.
Die Familie aß mit den Fingern, die Reisenden bekamen Besteck. Kartoffel-, Okra-, Jackfruitcurry, zweierlei Kokosnuss-Sambol, Reis. Alles köstlich. Die üppigen Reste wurden auf einen großen Teller gehäuft und dem alleinstehenden Nachbarn gebracht. Nach dem Essen holte die Familie alte Fotos und erzählte mit ihnen ihre Geschichte.
Hier, das ist mein Haus vor dem Tsunami. Und danach: weg. Die Bilder hier an der Wand sind aus den Fensterläden gemacht.
Hier, das sind wir als wir uns kennengelernt haben. Beim Karneval. Sie hatte Lehrerin für Kandy Dance werden wollen, aber dann kam die Liebe.
Hier, das ist Shalini mit vier Jahren. Ohne Haare. Sie hatte Leukämie. Drei Jahre lang ist sie behandelt worden, dann war der Krebs weg, Buddha sei Dank.
Hier, das ist der Hund, den haben wir so geliebt. 12 Jahre alt ist er geworden. „Er war mein Sohn,“ sagte die Mutter und wischte sich eine Träne ab.
Die Familie fragte die Gäste nicht viel. Es kamen auch keine Appelle an die reichen Deutschen. Es war reine Gastfreundschaft.
E-Mail-Adressen wurden ausgetauscht. Am Schluss, das glaubst du jetzt nicht, bekamen die Reisenden Geschenke: sie eine Kette und er eine Krawatte. Da kannst du dir denken, wie sie beschenkt und sprachlos von dannen zogen.
Seit diesem Abend schreibt Shalini E-Mails:
Dear Uncle and Auntie,
That was such a nice evening.
It was a pleasure for me to meet you.
I whish you all the best and will never forget you.
So war das. So kommt man auf Reisen zu Verwandtschaft.
Das ist wunderschön. Einfach nur schön.
Was für eine schöne Gelegenheit mehr von Bewohnern des Gastlandes mitzu- bekommen, ohne materielle Erwartungen. Ihr würdet beschenkt, glaube ich 🙂
Ich gestehe, ich habe gescrollt bis zum Ende, weil ich wissen wollte, wie’s ausgeht. Gut, lese ich. So sollte es sein. Schön!
Da geht mir so richtig das Herz auf, was für ein wunderschönes Erlebnis