Ich habe einen schiefstehenden Eckzahn im Unterkiefer. Weil er oben keinen Gegenpart hat, ist er im Laufe der Jahrzehnte über seine Nachbarn hinausgewachsen. Wie der dreieckige Berg im Theth Tal, der die Zackenzahnreihe seiner Nachbarn überragt.

Mein Eckzahn ist praktisch: bevor ich in eine Tomate beiße, reiße ich ihre Haut mit dem Zahn an. Wenn ich dann zubeiße, spritzt es nicht. So manches T-Shirt ist schon sauber geblieben. Ob der Bergzahn irgendwem nützt, bleibt unaufgeklärt. Bergen ist es gleichgültig, ob man sie nützlich findet. Sie sind. Und fertig. Dieser hier, das Matterhorn Albaniens, wurde erstmals erst 2011 von einer Seilschaft erklommen. Ob die die Steilflanke hoch sind?
Das Theth Tal hat unendlich viele Bergflanken. Klettertourismus gibt es noch nicht. Viele Ausflügler, etliche „Peaks of the Balkan“ Wandersleute, jede Menge kleine Schlafbusse und ein paar grössere Wohnmobile tummeln sich am Talgrund.

Bis 2021 war das Tal still, die Einheimischen weggezogen, die Felder vom Grün überwuchert. Weil es nur einen Maultierpfad gab und weil das Tal im Winter wegen des hohen Schnees monatelang von der Außenwelt abgeschlossen war. 2021 wurde die Teerstraße fertig gestellt. Schmal und kurvig schlängelt sie sich von der Passhöhe „Qafa Buni i Thores“ 17 km und 1000 Höhenmeter hinunter ins Tal.




Jetzt kommt jeder motorisierte Mensch, der mutig genug ist, sich an den entgegenkommenden Fahrzeugen vorbei zu quetschen, bis ganz nach unten, wo der Teer am Dorfschild endet. Ab da grober, staubiger Schotter und böse Schlaglöcher. Der Wege- und Parkplatz Bau kann mit dem wachsenden Besucherstrom nicht mithalten. Eine Zipline gibt es schon, an deren Stahlseil man zu Tal zischen kann, Unterkünfte jeder Art schießen aus dem Boden, die ersten Ressorts aus spitzdachigen, gleichartigen Holzhütten stehen bereits auf den noch erkennbaren Terrassenfeldern der alten Zeit.



Dass so viele ins Tal kommen, ist verständlich, es ist wunderschön. Wir sind schon ein wenig abgestumpft von den Bergpanoramen, die wir gesehen haben. Zum Glück können wir immer wieder innehalten und schauen und staunen.
Unsere erste Theth Nacht verbringen wir auf einer Campingwiese mit Restaurant, 300 Höhenmeter oberhalb des Ortes. Wir hatten für den Moment genug vom Kurvenfahren mit dem Auto und sind aufs Rad umgestiegen und hinuntergesaust. Und dann wieder hoch. 40 Prozent Akku hat das gefressen.
Am nächsten Tag sind wir wieder hinab- und am Ort vorbei geradelt, auf einer noch schmaleren, noch neueren Straße, die bestimmt alle zwei Jahre erneuert werden muss. Schon jetzt kommt der unbefestigte Hang an einigen Stellen herunter. Aber momentan kann man mit jedem Fahrzeug durch die enge Schlucht fahren.


Die Straße endet in einer grossen Schotterfläche am Fluss. Von da geht’s zu Fuss in nur einer halben Stunde zum Blue Eye, ein Quelltopf mit Wasserfällen. Das haben wir nicht mehr gemacht, es war schon zu spät. Wie sind zu spät aufgebrochen sind und unterwegs zu einem hübschen Wasserfall gewandert. „You never walk alone“, das gilt auch hier.

Als wir nach kurzer Pause in einer schattigen Kneipe wieder rauf radeln, lässt die Hitze – über 30 Grad – allmählich nach, die Bergspitzen glühen, und die einheimischen Ausflügler jagen ihre weißen und schwarzen Limousinen zu schnell und zu nah an uns vorbei den Berg hinauf. Zum Glück sind es nicht so viele. Wir lieben unsere E-Bikes, mit deren Hilfe wir nach knapp einer Stunde zurück am Platz sind.

Danke für die Beschreibung und die schönen Fotos!!!
Eckhardo 😃😙🙏