Wir kurven durch eine der ärmsten Regionen Albaniens. Woran erkennt man Armut? Niemand bettelt, niemand ist zerlumpt, aber es ist auch kaum jemand zu sehen. Immer wieder sieht man Industrieruinen, die von anderen Zeiten zeugen, an den verfallenden Wänden ist noch der Name des Diktators zu lesen. Unbeschnittene Kirsch- und Mirabellenbäume stehen auf ungemähten struppigen Wiesen, man zerkratzt sich die Beine beim Versuch, die reifen Früchte zu ernten.
Die Gegend um Burrel ist eine Bergbauregion, seit Jahrzehnten wird Eisenerz abgebaut, was über 80 Prozent der Bevölkerung Arbeit bietet. Schwere Lastwägen haben tiefe Furchen in die Straße gegraben. Die Landschaft sieht verwundet aus.

Nur knapp 60 Kilometer fahren wir und brauchen fast vier Stunden dafür. Auf dem Kirchhof eines kleinen Klosters übernachten wir neben der Kirchenmauer.

Eine fröhliche junge Nonne in kurzen Hosen kocht für uns, obwohl es schon spät ist. Grillfleisch, Grillgemüse und Kartoffeln. Dazu serviert sie Wein, der auf den umliegenden Feldern angebaut wird. Alles kommt aus der Region, so unterstützt das Kloster die lokale Bevölkerung. Der Priester stammt aus Italien, ist 69 Jahre alt und schwer krank. Er hat einen Hirntumor mit schlechter Prognose und wird bald sterben, erzählt uns ein Mann, der dort alles managt, als ich ihn auf seine Nationalität anspreche, ich hatte gehört, wie er in fließendem Italienisch telefoniert hat. Da hat er mit einem alten Freund und Weggefährten des Priesters, der im Vatikan arbeitet, einen Abschiedsbesuch besprochen.
Am nächsten Morgen lausche ich, noch im Bett, den Gesängen der Nonnen beim Frühgottesdienst.
Am Tag zwei unserer Rundtour schlängeln wir uns durch einsame Täler und Pässe, bummeln durch die Distrikthauptstadt Peshkopia, wo gerade Siesta ist



und bleiben auf einer Passhöhe an einem Partisanendenkmal stehen.

Ein junges Paar aus Thüringen stoppt neben uns, sie kommen gerade aus dem Süden hoch und wissen nichts über diese Gegend. „Was kann man sich denn hier anschauen“? fragt der junge Mann etwas ratlos. Tja, mehr als Gegend gibt es wirklich nicht.
Ein Albaner hält neben uns, sein Bus hat das Lenkrad rechts. Der Mann lebt und arbeitet in England. Er ist jetzt da, um den Bau seines Hauses zu beaufsichtigen. Alles in Albanien sei in den letzten zwei Jahren teurer geworden, klagt er, das Material für den Hausbau sei genauso teuer wie in England. Dann hält noch ein Trecker neben uns, der Fahrer will rauchen und hat kein Feuer, Jo kann aushelfen.
Die Sonne geht unter, der Vollmond geht auf.

Wir sitzen bis spät in der Nacht draussen und lauschen der absoluten Stille.

Am nächsten Tag wird es noch einsamer, man sieht nicht mal mehr Ruinen.



Die Heuernte hat begonnen.


Wir halten auf Kukës zu, eine weitere Hauptstadt. Während des Kosovokriegs im Jahr 1999 erreichte Kukës kurz weltweite Berühmtheit, als zehntausende von albanischen Flüchtlingen aus Kosovo dort Zuflucht fanden. Damals wurde mit Hilfe der Arabischen Emirate ein Flughafen gebaut, der jetzt in der Gegend herumsteht, gepflegt, aber nicht genutzt wird.

Kann die Straße noch kurviger werden? Ja, sie kann. Jo kurbelt sich nen Wolf und umschifft alle Schlaglöcher. In einer Forellenfarm kaufen wir Fisch, den wir am Abend auf einer thymianduftenden Waldlichtung räuchern.

Am Tag vier unserer Tour schauen wir uns am Koman Stausee einen Campingplatz an, man kann dort Kanus ausleihen. Der Platz ist hübsch, flirrt aber vor Hitze.



Wir entscheiden uns, ans Meer zu fahren, und damit die Hitze hinter uns zu lassen. Aber zunächst Shkodra. In der Stadt kaufen wir ein und bummeln durch die Straßen.







Überall werden Leinwände für das abendliche Albanien Fußballspiel aufgebaut. Die Fußgängerzone ist überraschend urban.
Der Wirt der Bar, in der wir einkehren, hat in Speyer gelebt. In Deutschland sei die Politik für die Menschen, in Albanien für die eigene Tasche, alles korrupt. Er spendiert uns einen Raki, der bei der Hitze lull und lall macht.
An der Grenze sitzen ein paar bettelnde Menschen am Straßenrand, als wir an der Abfertigung warten, klopft ein kleiner, schmutziger Junge an die Autotür und huscht davon als der Grenzer näher kommt.
Albanien, faleminderit dhe mirupafshim- danke und auf Wiedersehen.