22.9.24 Castel San Pietro Terme

Kurz vor Bologna werden wir müde. Lang genug gefahren für heute. In der Übernachtungsapp finde ich eine Abstellmöglichkeit. Die Beschreibung kommt uns beiden bekannt vor. Und wirklich, da haben wir schon mal übernachtet, 2017 auf dem Weg nach Kreta. Wir stehen oberhalb von Schrebergärten. Grillschwaden wehen herein. Der BVB verliert 5:1. Den Plan, eine Pizza essen zu gehen, verwerfen wir. Am Rand des Parkplatzes steht ein großes weißes Partyzelt, Leute strömen hinein, fröhliches Stimmengewirr dringt heraus. Von dort kommt der Grillgeruch. Locanda slow ist auf Plakaten zu lesen. Wir lassen das Geschüchter sein und treten ein. Bekommen einen Platz neben einem freundlichen italienischen Paar zugewiesen. Auf einem Vordruck kreuzt man an was man essen und trinken möchte, bezahlt an einer improvisierten Kasse, an der zwei ältere Frauen sitzen, elegant gekleidet, mit roten Lippen und Nägeln, die Augenbrauen nachgezogen, die schütteren Haare auftoupiert. Von dort geht die Bestellung in die Küche, und schon bald darauf stehen dampfende Tagliatelle vor uns. Wir mögen die vollen Tische, das Gewusel der Kinder, die markanten Gesichter. Viele fleißige Leute haben alles im Griff. Es wirkt engagiert und improvisiert wie eine Ehrenamtsveranstaltung. Man tut hier was für die Gemeinschaft, es ist keine Profi Veranstaltung.

Unser Hauptgang ist Castrato de la Locanda, Hammel nach Art des Hauses, die Tischnachbarn hatten unsere Wahl gestisch sehr gelobt. Das gegrillte Fleisch ist reichlich, etwas zäh und sehr geschmackvoll. Zum Nachtisch werden sehr süsse gefüllte Kekse gereicht. Vollgefuttert und glücklich laufen wir nach dem Essen in den Ort hoch. Alte geduckte Sandsteinhäuser, ein großer zentraler Platz, Kopfsteinpflaster, beschienen vom warmen Licht ballonförmiger Straßenlaternen. Vor dem Rathaus verkündet ein Riesenbanner „Team over“. Eine Aufforderung, in Rente zu gehen?

Aus einer Gasse erklingt Musik. Ein überwiegend älteres, teilweise behindertes Publikum lauscht auf Stühlen, Rollstühlen und Rollatoren der Live Band, vier dicke Männer, die schräg aber begeistert und mitreißend Beatles Songs covern.

Auf dem Rückweg wird Jo von einem Mann angesprochen. Der hält ihm seinen Ausweis unter die Nase, Jo’s Ausweis wohlgemerkt. Ob er das sei? Er habe ihn gesucht. Erst bei den Campern, da sei er nicht gewesen, dann im Ort. Weil er nämlich Jo’s Geldbörse gefunden habe, im Zelt unter dem Tisch. Erschrocken und erleichtert folgen wir dem Mann zurück zum Speisezelt. Er läuft flott, hält aber an der komplett unbefahrenen Straße an und wartet bis es grün wird. Die Damen an der Kasse und die Kellner begrüßen uns mit großem Hallo. Man überreicht Jo seine mit 500 Euro und sämtlichen Checkkarten prall gefüllte Geldbörse und freut sich mit uns, dass es so gut ausgegangen ist. Wir sind sprachlos. Jeder Versuch, diese Hilfsbereitschaft zu honorieren, wäre eine Beschämung. So verbeugen wir uns dankbar mit vielen mille Grazie, stehen Rede und Antwort, als man wissen will, woher wir sind und wohin wir wollen, und wir halten aus, in der Schuld dieser Leute zu stehen.
Am nächsten Morgen lese ich ein Essay über Freundlichkeit. Hilfsbereit und Freundlichkeit seien die wahren evolutionären Erfolgsrezepte der Menschheit. Die Welt ist im Grunde gut. Ich spüre Zweifel . Aber zumindest dort, wo Menschen direkt miteinander zu tun haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich gegenseitig hilft, hoch.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Edehigh

    Danke fürs Berichten! Und weiterhin viele zweifel- verringernde positive Begegnungen!! 😉😀

  2. charlottgreen

    Der gleiche Schutzengel hatte heuer im Juli in Burgund Dienst und hat damals Michaels Handy zurückgebracht. Genau der gleiche.

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