Tauben und Ratten gibt es in jeder Großstadt. Unsereins nicht. Uns gibt’s nur in Bangkok. Das schließe ich aus den erstaunten Rufen der Touristen, wenn sie mich entdecken. Kaum klettere ich an der Kanalmauer hoch, um oben unter den Fischmarkttischen die Reste aufzufuttern, also um sauber zu machen, kreischt es vielsprachig vom gegenüber liegenden Ufer. Schau, ein Kanaldrache!
Handys werden gezückt, ich werde heran gezoomt und täglich mehrfach abgelichtet. Die Fotos sind fast immer unscharf, weil die Fotografierenden zu aufgeregt, zu ungeschickt, zu langsam sind. Ich krieche in den tiefsten Schatten oder lasse mich ins braune Wasser gleiten, und weg bin ich. An meinem Lieblingsplatz unter der Brücke des Abwasserkanals entdecken sie mich selten. Da liege ich reglos auf Schwemmholz und verschmelze mit dem Untergrund. Leider bin ich oft einsam. Das war mal anders. Vor ein paar Jahren hatte sich meine Sippe im Stadtpark ausgebreitet. Über Vierhundert waren wir. Es war leicht, Partner zu finden und unser Nachwuchs hatte Spielgefährten. Einige von uns sind wohl zu groß geworden, drei Meter lang, und haben Menschen erschreckt. Da haben sie uns schliesslich eingefangen und weit weg ins ganze Land verteilt. Nur wenige von uns sind noch da, weil wir uns rechtzeitig unsichtbar machen konnten. Die schönsten Tage sind vorbei. Aber ich will nicht jammern. Immerhin bin ich der geheime Star für die Touristen im Khao San Viertel. Die Einheimischen hassen mich. Weil ich mir ab und an ein Huhn und ein paar Eier aus ihren Ställen hole. Sie verwenden meinen Namen, wenn sie sich beschimpfen. „Hia!“ Das kränkt mich. Den Euphemismus, den sie verwenden, um meinen Schimpfwort Namen nicht aussprechen zu müssen, den mag ich. „Einer, der silbern und golden ist.“
Neuerdings habe ich mich mit den fetten Kanalkarpfen angefreundet. Wir schwimmen um die Wette und manchmal warne ich sie vor Anglern. Nicht immer. Ich will ja schliesslich was zu fressen finden unter den Fischtischen. Ich, der Großstadt- Waran.
