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Rollafahn

Unsere Unterkunft bietet Motorroller zur Miete an, für 5,70€ am Tag. Ohne ist es schwierig hier, kein Strand zu Fuß erreichbar…

Ich hab gehörig Respekt vor der Maschine, bin ich doch nie motorisiert auf zwei Rädern gefahren, außer E-Bike. Mir kommt in den Sinn, wie ich als Junge mal Vaters neues Arbeitsmofa fahren durfte und nach wenigen Metern gegen die Wand gesetzt habe, auf der Suche nach der Rücktrittbremse – Totalschaden.

Also gut, mein Roller ist rot, neu, hat noch kein Nummernschild, das sei aber kein Problem, sagt die Wirtin und lächelt.

Eine Schaltung finde ich nicht, Automatik? Elektrostarter, nichts tut sich ah – erst den Ständer einklappen, gut so.

Ich drehe eine kleine Runde auf dem Parkplatz und komme tatsächlich mit den gefundenen Bremsen wieder zum Stehen, ohne Wand, – man ist doch im gehobenen Lebensalter noch lernfähig.

Jetzt die nächste Eskalationsstufe: die Frau steigt hinten auf, mit gehörig Schiss inne Büx (=Angst in der Hose). Also Sicherheit verbreiten, Souveränität ausstrahlen, Alles im Griff haben.

Wir starten, ich will langsam anfahren, zu langsam, gerate ins Schlingern, gebe mehr Gas, finde Stabilität und die richtige Straßenseite, und los geht’s.

Die nächsten zehn Minuten werde ich nicht vergessen: während sich die Frau in meine Bauchdecke krallt und zum Weiteratmen ermuntert werden muss, spüre ich den Fahrtwind, die schnurrende Kraft der Maschine und dieses einzigartige Lebensgefühl.

Links rollt Jack Nicholson, rechts Peter Fonda, voraus fährt der verrückte Dennis Hopper.

Ich also mittendrin, der Soundtrack ist von Steppenwolf. Easy Rider heißt der Film, für die Jüngeren unter uns. Die jung Gebliebenen wissens eh, es geht um FREIHEIT. Oder die Illusion davon, das Ende ist bekannt.

Erstmal aber bin ich ziemlich glücklich auf dem Roller, die Frau hat inzwischen genug Luft zum Stöhnen und Ächzen, leider wohl eher Laute der Angst.

In den folgenden Tagen wird es sich legen, und wir legen uns zusammen in die Kurven, fahren lehmige Wege, das Heck schleudert ein wenig. Auch Regenfahrten gibt es, sehr schön, weil nicht kalt, und Nachtfahrten, sehr unangenehm, weil die Gegenroller blenden.

Die Tankstellen sind wahrlich oldscool.

Anders als die Hiesigen fahren wir mit Helm, daran soll man uns erkennen.

Sehr bald überprüfe ich meinen Führerschein, was darf ich denn an Zweirädern fahren daheim? 125 ccm, genau wie mein Roller hier und jetzt, hmm. Ich träume von einem Träger hinten am Womo, fahre durch spanische Dörfer im Mai, aber schon die Vorstellung Ostendstraße Nürnberg stadteinwärts lässt mich hart erwachen. Der Roller bleibt hier, wo es insgesamt gemächlich zugeht, welch schönes Wort, welch schöner Zustand.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. charlottgreen

    Hast Du denn, wie es sich gehört, als allererstes mit den Schuhspitzen gegen die Reifen gehauen, um deren Qualität und Stabilität zu überprüfen? Das machen, so hab ich gelesen, beim Autokauf 70% der deutschen Männer so.

  2. lorenzbomhard

    Die Stelle zu Easy Rider ist unübertrefflich. Wunderbare Selbstironie, großes Kino, lieber Jo, da hatte ich Warmduscher beim Lesen plötzlich eine Lederjacke an…

  3. ilweiss741d9d2c27

    bester post ever . Roll on ….

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