Grimm auf Elafonisi

Qwirlblättrige Heide und kopfiger Thymian wachsen auf dem ins Meer geworfenen Felsenhaufen Elafonisi an der Zeigefingerspitze des Peleponnes. Dornige Macchia, Olivenbäume, Stechwachholder und einige wenige Feigenbäume, sonst nichts.  Hunderttausende besuchen diese karge Insel, auf der das Wasser nicht trinkbar und salzig ist, Jahr für Jahr. In der Hauptsaison stauen sich die Autos vor der Fähre  beim  Warten auf einen Platz für die kurze Überfahrt kilometerlang. Sie alle kommen
wegen dieses einen Strandes, der als karibisch gilt. Feiner weisser Sand, eine Dünenlandschaft begrenzt vom türkisfarbenen Wasser und ockerfarbenen kahlen Hügeln, beschienen von der gleißenden südlichen Sonne. Wer Badeurlaub mag, wird hier glücklich.
7:15, die weisshäutige Frau  will den frühen Morgen für einen Strandspaziergang nutzen. Auf der Düne liegt ein schmales Band aus Holzbohlen, gedrungene Wachholderbüsche wachsen auf den Kuppen, in die Mulden ducken sich fein duftende weisse Strandlilien. Die Frau stapft am glatt daliegenden Meer entlang, die Ausläufer der kleinen Wellen umspülen ihre Füsse. Sie läuft an einsamen Liegen vorbei, an einem verlassenen Bademeisterturm, an gestapelten Schlauchbooten und allerlei aufblasbaren Schwimmgeräten, kein Mensch weit und breit. Das Wasser lockt. Wann, wenn nicht jetzt? Sie streift die Kleider ab, legt sie sorgfältig auf einen Haufen, beschwert sie mit einem Stein. Sie watet ins flache Wasser, duckt sich hinein, um ihre Nacktheit zu verstecken, es dauert eine Weile, bis es tief genug zum schwimmen ist.
Das kühle Nass umspielt den Leib, die Frau schwimmt auf dem Bauch, auf dem Rücken, strampelt, juchzt, liegt flach, getragen von diesem sanften Wogen. Selbstvergessen, genüsslich, zeitlos. Dann fröstelt sie und wendet sich dem Ufer zu. Wo ist ihr Kleiderhäufchen? Sie hat es doch dort bei den Sonnenschirmen deponiert. Oder beim Bademeisterturm? Sie schwimmt die Küste auf und ab, kann die Kleider nicht finden. Wenn sie am Strand entlang ginge, könnte sie besser Ausschau halten. Aber jetzt sind Hundegänger unterwegs. Sie kann doch nicht wie Venus dem Meer entsteigen mit schaukelden Brüsten daran entlangspazieren. Es ist kein FKK Strand. Wenn jemand die Sachen mitgenommen hat? Wie Grimms gestiefelter Kater, der dem badenden Müllerssohn die Sachen gestohlen hat? Immerhin ist diese Geschichte gut ausgegangen. Der Kater hat dem vorbei fahrenden König vorgeflunkert, Diebe hätten seinem Herrn, dem Grafen, die Kleider gestohlen, der König hat den nackten Mann großzügig eingekleidet, und am Ende ist aus dem armen Müller ein reicher Graf geworden.
Ihr ist kalt, am Strand wird es voller. Ihr ist nun egal, dass sie nackt ist. Sie entsteigt dem Meer, läuft hundert Meter am Strand entlang. Es kommt kein König vorbei, aber sie entdeckt ihre Sachen. Alles noch da. Schnell wirft sie ihr Kleid über ihren schon trockenen Körper. Und sie freut sich auf den fürstlichen Kaffee, den ihr Mann ihr gleich kochen wird.

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