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Glück

Von Bilbao fahren wir noch einmal ans Meer. Auf der Landkarte haben wir ein Kap entdeckt, auf dem sehr malerisch eine Kapelle steht. Eine Sehenswürdigkeit, die wir besuchen wollen.


Grundsätzlich sind Wohnmobile an der Biskaya nicht so gern gesehen, vermuten wir. Die Parkplätze sind durch Schranken höhenbegrenzt oder es sind Wohnmobilverbotsschilder aufgestellt. Die wenigen offiziellen Stellplätze sind voll. Nach einigem Suchen finden wir einen übernachtungstauglichen Picknickplatz mit Blick auf den Sonnenuntergang.
„Geht’s uns gut?“ fragt Jo, als wir aus der Bank der Sonne zusehen. Ja, uns geht’s gut, aber meistens hält sich das Bewusstsein an irgendwas fest, das nicht passt. Jetzt sind es die laut vorbei brausenden Autos, der kalte, scharfe Wind, die Möglichkeit, in der Nacht von der Polizei verjagt zu werden, die Wolken am Horizont, in die die Sonne blass eintaucht, anstatt uns ihr Farbfeuerwerk zu präsentieren.
Wir philosophieren über die Bedeutung von „wenn du dein Glück gerecht behandelst, verlässt es dich nie“.

Am nächsten Morgen nehmen wir die Fahrräder, um zum Ausgangspunkt der Wanderung zur Kapelle zu gelangen. Wir hatten am Vortag bereits gesehen, dass unser eins auf dem Parkplatz nicht parken darf. Wir radeln die Straße hinunter und einen Wanderweg entlang bis uns eine junge Frau stoppt und uns um unsere Tickets bittet. Man muss im Internet Tickets buchen für die Kapelle,  für heute ist alles voll, sagt sie. Wir überprüfen das und öffnen die Webseite. Tatsächlich. Ausgebucht, morgen auch, erst übermorgen Nachmittag gibt es wieder zwei Karten. Die Kapelle kann uns gestohlen bleiben. Wir radeln noch ein wenig durch Eukalyptus- und Lärchenwald an der Küste entlang zu einem alten und einem neuen Leuchtturm.

Dann zurück zum Auto und nach Palencia. Palencia, da will Jo hin, weil er ins Rioja Gebiet will. Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt.
Unterwegs verabschiedet sich das Internet. Erst später erfahren wir, dass heute in ganz Spanien der Strom ausgefallen ist. Deshalb gab’s auch kein  Internet. Als ein Freund mittags schrieb „Haben euch die Russen den Strom abgedreht?“ wusste ich damit nichts anzufangen. Jetzt am Abend in Palencia waren wir schlauer. Dort kehrte allmählich der Strom zurück, und auch das Internet funktionierte wieder. Wir konnten nachlesen,  was der grosse Stromausfall angerichtet hat. Menschen saßen fest in Aufzügen, in U- Bahnen, in Fernzügen, Bankkarten waren von Automaten gefressen worden, nur Barzahlung möglich. Warum fällt in einem ganzen Land der Strom aus? Da spekuliert man Hackerangriffe der Russen. Aber man soll sich hüten, so etwas in die Welt zu setzen, wurde in den Medien gesagt. Erstmal gründlich untersuchen. Gerüchte, wenn Sie einmal in der Welt sind, verschwinden nie wieder.
Ach ja, Palencia liegt nicht im Rioja Gebiet, sondern zwei Stunden weiter südlich. Am Rioja Gebiet sind wir vorbeigebraust. Jo hat sich vertan. Er ärgert sich gewaltig. Nun müssen wir dort auf dem Rückweg hin. Schlecht gelaunt laufen wir durch Palencia, ein ganz netter, aber vollkommen unspektakulärer Ort. Über unsere schlechte Laune, weil wir das Rioja Gebiet verpasst haben, weil wir so unnötig lange Auto gefahren sind, weil uns die Kapelle nicht reingelassen hat, trösten uns auch die blühenden Pappeln, die alte Bogenbrücke über den Fluss, und die spielenden Kinder in den Gassen nicht hinweg. Erst beim Bier an einem der schönen Plätze wird es besser.


Das Glück gerecht behandeln. Sich nicht dem Nörgeln hingeben. Sich fokussieren auf das, was trotzdem gut ist. Eine Fertigkeit, die immerwährende Übung erfordet.


Am nächsten Morgen weckt uns ein Aufsitzrasenmäher vom Nachbargrundstück ziemlich früh. ich laufe in den Ort, zu einem gut sortierten Supermarkt, und kaufe allerlei Köstlichkeiten fürs Frühstück ein.  Dabei gehe ich durch einen Park, in dem sich  schulklassenweise Kinder und Jugendliche vergnügen: mit Hula hoop Reifen, Seilen, Boulekugeln, Hockey Schlägern, Frisbees. Alles sehr zwanglos. Bundesjugendspiele in fröhlich? Kein Wettbewerb um Sieger- und Ehrenurkunden? Es wirkt alles recht entspannt. Palencia ist nächstes Jahr die Stadt des Sports, da fängt man wohl schon mal an zu üben.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Marlene

    War das San Juan de Gazteluusw? Da stand ich auch schon mal davor, am Mirador, und bin unverrichteter Dinge umgekehrt, weil völlig überlaufen. Ist eine sehr bekannte Film-Location von Game of Thrones, „Dragonstone“ in der Serie. Daher der Hype.

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