Wir wohnen eine Woche auf einem Campingplatz westlich von Hamburg. In die grosse Stadt sind es 15 Kilometer. Nach drei Mal Reinradeln kenne ich die Häuser am Falkensteiner Ufer.

Da ist der Betonneubau mit Dachterrasse und Küche im verglasten Wintergarten, Utensilien hängen glänzend wie Kunstobjekte über dem zentralen Herd. Da ist das Wohnprojekt im alten Wasserpumwerk, das lange leer stand und dann von einem Architekten gekauft und in denkmalschutzkonforme Lofts umgebaut wurde. Alte VW Busse und ein Porsche parken davor. Da ist der Eckkiosk: Fischbrötchen 9,50.
Das ganze Ufer ein Wimmelbild. Leute genießen auf Bänken die Sonne, Hunde tollen umher, Kinder buddeln im Sand. Viele Menschen jeden Alters bewegen sich in beide Richtungen. Langsam, schnell, zu Fuß, mit dem Rad dem Roller, dem Rollator. Hohe Bäume säumen den Weg. In den Gärten blühen Rosen.



Der alte Schwede ist ein gigantischer Findling, der beim Vertiefen der Fahrrinne ausgegraben wurde. Er ist vor 400.000 Jahren mit dem Eis nach Hamburg getrampt.

Gegenüber wird der Airbus gebaut.

Die Ringelnatz Treppe steigt vom Elbufer nach Altona empor, wo bekanntlich zwei Ameisen weise auf den letzten Teil ihrer Reise nach Australien verzichteten. Rühmkorf mochte Ringelnatz sehr. Nun ist sein Name auf der Treppe verewigt.

Auf dem Campingplatz stehen wir halbschattig abseits vom Trubel.


Die Sonne scheint nur ab und zu durch die Blätter. Es ist fast immer windig und ein bisschen zu kühl.
Das Dröhnen der unsichtbar vorbeiziehenden Schiffe findet Resonanz im Zwerchfell. In den Baumkronen rauscht der Wind.
Neben uns wechseln die Nachbarn, so lange wie wir bleibt niemand. Einmal ein einzelner Mann mit Rad, er fährt das Jedermannsrennen mit, 120 Kilometer. Als wir aus den Federn kriechen, ist er schon zurück. Einmal eine schlecht gelaunte Familie im Mietcamper, einmal ein britischer VW Bus, in dem vier Leute und ein Riesenhund wohnen. Man grüsst sich flüchtig und bleibt für sich.
Im hinteren Teil des Platzes wohnen die Menschen, die sich um Sauberkeit und Ordnung kümmern. Freundliche mittelalte Leute mit zerzausten Frisuren und Wollpullovern und ein paar spanisch sprechende Familien. Sie putzen das Waschhaus, bereiten Pommes und Kaffee in der Strandkneipe zu, entsorgen Müll und laden Getränkelaster aus. Vor ihren Wohnwägen bilden kleine, von Bambusmatten umzäunte Topfpflanzen Vorgärten, an den Wohnwagengiebeln hängen Lichterketten. Abends weht Grillgeruch zu uns herüber.

Zwischen Kneipe und Strand ist ein grosser Spielplatz. Daneben zelten Familien mit kleinen Kindern im Sand rings um ein Zirkuszelt. An langen Stöcken werden Marshmallows übers Lagerfeuer gehalten. Der Campingplatz gehört dem Kinderschutzbund, die Erlöse gehen an bedürftige Familien.

Am Elbufer wachsen klettertaugliche Weiden und Strandhafer. Ab und zu schleicht dröhnend ein Riesenkahn vorbei und wirft Wellen auf. Man läuft barfuß durch weichen Dünensand. Bei Ebbe kann man durch Schlick stapfen, der einem zwischen den Zehen hindurchquillt, sich unter die Zehennägel setzt und die Füße tagelang grau färbt, waschen hin oder her.
Im Waschhaus kann man Eltern beim erziehen beobachten. Thorben, neun Jahre alt, muss abwaschen.

Er verrichtet seinen Frondienst schweigend, schmeißt nach der letzten Schüssel den Schwamm ins Becken und will von dannen eilen. „Stopp,“ sagt sein Vater, „nimm das mit, das ist deines. Und das da auch. Den Rest nehm ich.“ Knurrend greift der Junge die Sachen und weg ist er.
„Ich bin nicht sein Bediensteter,“ sagt der Vater zu mir gewandt. Offenbar meint er seine Strenge rechtfertigen zu müssen. Muss er nicht. Ich lobe seine Klarheit, die seinem Sohn Orientierung gibt. Gute Eltern haben nie frei. Wir kommen ins Plaudern über die Herausforderungen des Eltern seins. Am Ende bedankt er sich.
Im Klogebäude hat eine vierjährige den Schließmechanismus durchschaut.
Kind: „Mama, ich weiß jetzt wie das Zu- und Aufschließen geht!“
Mutter: „Hm.“
Kind: „nämlich genau wie im Kindergarten.“
Mutter: „Hm.“
Kind : „Guck mal, nämlich so…“
Mutter: „Schön.“
Kind: „Mama, musst du Kacka?“
Mutter: „Nein.“
Kind: „Ich aber. Ganz ganz nötig!“
