Ich bin skeptisch. Bestimmt ist diese Touristenattraktion überbewertet. Geöffnet von früh um 8 Uhr bis nachts um 1 Uhr. Tagsüber ist alles ausverkauft. Wir buchen ab 18:30 Uhr, da geht wieder was. Ich stelle mich auf Menschenmassen und Nepp ein.
In der Speicherstadt wachsen fünfstöckige Ziegelbauten aus den Kanälen empor. Einer davon beherbergt das Miniaturen Wunderland. Eine enge Treppe bringt uns in den zweiten Stock. Dort ist man bestens organisiert, eine gut geölte Maschine. Rucksäcke abgeben, HandyTickets scannen lassen: „heb die auf, die musst du am Ende vorzeigen sonst kommst du nicht wieder raus.“ Dann geht’s durch den Shop, durch den Bistro Bereich, die ersten Gäste bleiben schon hängen. Wir setzen uns innere Scheuklappen auf und schreiten rasch voran. Noch vor Beginn der Ausstellung wird ein Blick in die Werkstatt gewährt. Wie mag das sein hier auf dem Präsentierteller zu arbeiten?

Eröffnet wurde das Miniatur Wunderland 2001 als Modelleisenbahnanlage. Die Züge sind immer noch da, sie sorgen für Bewegung und für Verbindung zwischen den Abteilungen, aber um sie herum ist eine ganze Welt entstanden.

In der ersten Halle ist Amerika. Züge fahren am Mount Rushmore vorbei, in Las Vegas gibt’s ein Rodeo, ein Messerwerfer schleudert sein Messer auf eine Frau, ein Flugzeug zerschellt an den Wänden des Grand Canyon, zum Glück konnten die Passagiere vorher abspringen und gleiten an kleinen Fallschirmen zu Tal. Es wird Nacht, Fassaden leuchten grellbunt.

Züge fahren herum, in denen man Leute essen sieht. Es wird wieder Tag.

Wir wandern nach Hamburg auf die andere Hallenseite hinüber. Da legt gerade ein Kreuzfahrtschiff ab. Langsam gleitet es durch den Hafen. Das Wasser ist echt. Hier kann man der Elbe auf den Grund sehen, wo Seesterne und Nixen herumschwimmen.


Die Elbphilharmonie klappt auf. Man kann auf die Bühne und in die Wohnungen schauen. Heidi Klum steckt sich die Haare hoch, ihr Mann geht duschen.



Im benachbarten Krankenhaus ist Visite. In erleuchteten Büros arbeiten Menschen.


Es ist eine voyeuristische Lust, in alle Ecken zu schauen.
In Österreich fährt ein Pinguin eine Skipiste herunter. In der Schweiz ist reger Liftverkehr und Autos fahren Pass- Straßen rauf.
In Bayern ist ein DJ Bobo Konzert. Bühne, Festivalzeltwiese, Dixi Klos, Polizeistreifen.
In Rio wird Karneval gefeiert, daneben stapeln sich Favelas den Berg hoch.

Sogar Figuren aus Kindersendungen sind in die Szenen eingebaut worden.


Am Flughafen starten Flugzeuge und eine Tafel zeigt jeweils Start und Landung an.

Nebenan ist der Tower des ganzen Wunderlandes. In einem eigenen, durch Glaswände abgetrennten Raum („bitte nicht an die Scheibe klopfen“) überwachen vier junge Leute zahlreiche Monitore. Entgleist ein Zug oder kommt ein Flugzeug von der Bahn ab, sehen sie es dort und jemand eilt zum Unfallort. Die Besucher sehen dann die Hand Gottes vom Himmel aus herunter greifen und alles in Ordnung bringen.

Die Ausstellung ist mittlerweile in ein zweites Gebäude auf der anderen Fleetseite expandiert. Sogar auf der Verbindungsbrücke fahren Züge. Aktuell arbeitet man am Regenwald.
Das Autorennen von Monte Carlo ist ein weiterer Besuchermagnet. Rennautos sausen an Zuschauertribünen vorbei, auf denen tausende Leute sitzen. Keine Figur gleicht der anderen. Jede einzelne der anderthalb Zentimeter grossen Figürchen muss von Hand bemalt worden sein.


Wir fühlen uns wie Gulliver in Liliput, können uns nicht satt sehen, vergessen wo wir sind, vergessen die Zeit, schauen und staunen. Auf einmal ist es 22 Uhr und der Magen knurrt. Weil es im Wunderland keine Zeit gibt, essen wir zur Unzeit Backfisch im als Eisenbahnwaggon gestalteten Bistro.

So gestärkt gehen wir noch in die Sonderausstellung. „Berlin – geteilte Stadt“ zeigt genau denselben Straßenzug von 1945 bis 2020 in neun Dioramen. Geschichte im Zeitraffer.


Als wir dem Ausgang zu streben, ist es Mitternacht. Der Handyakku ist leer. Tickets können wir nicht vorzeigen. Wir dürfen dennoch raus.
Im echten Hamburg stehen wir ein wenig verstört herum. Ist das alles groß hier!
Das war wahrlich ein krönender Abschluss unseres Hamburg Besuches.