Fast eine Woche standen wir auf dem Blue Camping am Bolsena See, ganz ungewöhnlich für uns, zieht es uns doch oft nach drei Nächten schon weiter.
Drei Tage verbrachten wir mit Kurt und Vera aus Berlin, die sich in ein Mobile-Home eingemietet hatten.

Gemeinsam besuchten wir Bomarzo und Bagno Regio, Vitozza und Pitigliano. Wir genossen die hervorragende Pizza im Campingplatzrestaurant und speisten auf der anderen Seeseite in einem Fischlokal.
Am Bolsena See waren wir das erste Mal bevor wir Eltern wurden. Damals nutzten wir ein von unserem Mitbewohner Helmut geliehenes Haus-Zelt mit Löchern in der Zeltwand und mit Innenstangen, die beim Aufstellen zusammenbrachen.
Dann war Jo alleine hier, drei Wochen zum Sprachkurs.
Beim nächsten Mal flohen wir mit unseren kleinen Kindern in einem heißen August, in dem am Monte Argentario am Meer alle Zeltplätze voll waren, ins Landesinnere, eben an diesen See.
Beim letzten Mal vor zwanzig Jahren waren die Kinder schon halbwüchsig.
Also ist diese Weltecke sehr erinnerungsträchtig für uns.
An die Allee im Ort kann ich mich trotzdem nicht erinnern. So dicke Platanen habe ich noch nie gesehen, obwohl die damals schon hier gestanden sein müssen. Zwei säumen eine Einfahrt und zwingen die Hausbesitzer, zum schmalen Fiat, ein grösseres Auto würde nicht durchpassen.

Der Trinkbrunnen mit dem Engel drauf ist noch da, hat aber kein Wasser mehr.

Den Wagen, an dem wir Porchetta gekauft hatten, finden wir nicht. Das Collegio, in dem Jo damals drei Wochen italienisch gelernt hat, steht leer und rottet vor sich hin.

Das Blutwunder, der Ursprung von Fronleichnam, wird noch immer zelebriert. Einst hat ein zweifelnder Mönch eine Messe gehalten. Aus der Hostie, die er brach, tropfte Blut aufs Altartuch, das heute als Reliquie im Dom von Orvieto wohnt. Und wir durften, als wir einst in den Pfingstferien dort waren, sehen, wie alle Gassen mit Blumenteppichen ausgelegt wurden.
Wir mögen diesen Ort.

Im See schwimmt es sich ganz wunderbar. Spiegelglatt und angenehm temperiert. Man liegt schwerelos auf dem Rücken, betrachtet die Wölkchen und erschaudert gelegentlich wenn Schlingpflanzen am Leib entlangkratzen.


Am Abend plumpst die rote Sonne ins Wasser, und alle Campinggäste schauen zu.

Morgenspaziergang am Bolsena See
Dunkles Auge, hügelumsäumt. Schwarzer Sand, getunnelter Schilfwald. Warmes Wasser, Schlingpflanzen, tropische Luft. Krabben kriechen bachaufwärts ins Gebüsch. Feigen platzen unerreichbar hoch am Baum.



Bomarzo
Ein Landschaftspark aus dem 16. Jahrhundert. Vergessene Figuren im Dickicht, wieder entdeckt nach Jahrhunderten. Bemooste Nixen Elefanten Giganten. Ein schiefes Haus, eine steinerne Bank, ein begehbares Riesenmaul. Zwei gealterte Eltern fotografieren sich wie damals mit den Kindern.








Man kann hier lange sitzen. In einem Gedicht über diesen Park heißt es:
…der unsichtbare Grund. Auf dem alles steht und der alles trägt. Dableiben. Hierbleiben. Kristallinisch solcher Landschaft sich innig verbinden:
wenigstens vorübergehend unsterblich sein.

Bagno Regio
besteht aus einem alten und einem neuen Teil. Der alte Teil heißt auch „die Stadt, die stirbt“, weil sie, isoliert auf einem Berg erbaut, einst völlig verlassen und verfallen war. Heute erfreut sich der Ort, hübsch wieder hergerichtet, blühenden touristischen Lebens. Reisegruppen aller Länder erobern sonnenschirmbewehrt den Wohnfelsen, um sich vor den alten Mauern und der erodierenden Landschaft zu fotografieren. Ponte Federico Fellini heißt die lange Brücke, die hinüber führt. Weil im Ort Bagno Regio der Film „La Strada“ gedreht wurde. Auch wir gehen schwitzend hinüber.



Vitozza
Liegt auf einem Bergkamm im Wald. Es war einst eine Wohnstadt für siebentausend Menschen. Das ist lange her. Heute ist hier niemand mehr. Es gibt auch nichts zu kaufen.

Ein verwunschener, vergessener Ort, bemoost, überwuchert. Rosa leuchtet ein Veilchenteppich vor den Felsenhöhlen. Wohnstätten für Mensch und Tier. Vor Jahrhunderten in den Tuff geschlagen und bis vor hundert Jahren noch vereinzelt bewohnt. Eine Höhle doppelstöckig mit Dachterrasse. Ein verfallenes Kirchlein, ein Kastell, ein Taubenhaus. Im steinernen Weg Fahrspuren längst verrotteter Karrenräder.






Man streunt umher, malt sich das Leben aus, wie es hier wohl war – war dies ein Bett und das ein Herd?
Wind weht durch leere Fensterlöcher, Efeu wuchert Wände empor. Wenige Wanderer lauschen der Stille.


Pitigliano

eine aus dem Berg gemeißelte warmbraune Skulptur über tiefer grüner Schlucht.
Aus dem Fels wachsen Mauern empor, porös, atmend. Enge Gassen führen hinauf, hindurch. Besucher schlendern, Katzen dösen.





Auch hier jede Menge Kaufanreize, die man ausblenden muss, um die Atmosphäre des Ortes aufnehmen zu können.
Vor der Synagoge von 1598 wacht ein Soldat, bis 1938 hatte der Ort eine grosse jüdische Gemeinde.

Die Abendsonne verwandelt den Tuff in glühenden Bernstein, eine leuchtende Krone über dem Tal.

Radtour um den See
Ein paar Kilometer auf der befahrenen Straße, dann führt die Komoot Route hinunter zum See. Der Kraterrand ist steil. Schotter mit tiefen Rinnen. Der Reifen rutscht ab, das Rad ist nicht zu halten, der Fahrer stürzt.
Ein Riesenschreck, Knie und Unterarme abgeschürft. Aber alle Gelenke sind heil geblieben.

Der Seeweg ist durch Zaun und Tor versperrt. Also wieder hoch zur Straße. Irgendwann gibt’s einen gut fahrbaren Weg hinunter und entlang, ab da Genussradeln pur. Ein Badestopp, ein Barstopp, wunderschön.



Am letzten gemeinsamen Abend kochen wir zusammen im gut ausgestatteten Mobile-Home der Freunde. Stolz servieren wir Porchetta, die wir im Ort gekauft haben. Die schmeckt köstlich und ist mit Extra Protein angereichert: nachdem sie halb aufgegessen ist, kriechen ein paar Maden heraus. Den Rest bringen wir anderntags zur Verkaufsbude zurück. Dort wird uns erschrocken der Kaufpreis zurückerstattet.
Die Freunde ziehen weiter Richtung Neapel, und auch wir verlassen unser grasiges Plätzchen am See.
Mitternacht vorm Schlafbus. Immernoch warm. Kein Lüftchen regt sich. Der Gemüsegarten hinterm Zaun atmet Kohlgeruch aus. Ein Steinkauz ruft scharf und heiser. Ein tellergroßes trockenes Pappelblatt kracht ins Gras
Schöne Bilder, milde Erinnerungen, neue Freunde und am Ende Maden. Was für eine bewegende Episode!