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Giardino dei Tarocchi und Saturnia

Nach über einer Woche am schönen Maremmastrand brechen wir auf. Der Urlaub ist fast zu Ende, der Alltag dräut schon. Den Romplan geben wir auf, die große Stadt schreckt vor allem mich ab, weil ich anstrengende Arbeitswochen vor mir habe.
Ich werde das Flugticket verfallen lassen.
Der Tarot Garten soll der Abschluss sein. Annette und Rolf wollen auch allmählich Richtung Heimat und eigentlich nicht weiter in den Süden, aber, inspiriert durch unsere Erzählungen, kommen sie mit.

Zum vierten Mal bestaunen Jo und ich den wunderbaren Skulpturengarten, der auf einem Hügel zwischen Oliven angelegt wurde.

Die „Herrscherin“
Der „Mond „

Nach nunmehr 30 Jahren sind Witterungsspuren sichtbar: erblindete Spiegelscherben, einzelne herausgebrochen Keramiken. Trotzdem ist der Gesamteindruck weiterhin bunt, kraftvoll, verzaubernd.
Es ist Samstag, bestes Wetter und entsprechend voll. Vielen Leuten dienen die begehbaren Skulpturen als Kulisse ihrer Selbstinszenierung. Aber viele andere lassen sich lächelnd und  staunend durch das Meer aus Formen und Farben treiben, betrachten und betasten Details.

Der „Gehängte“
Der „Hohepriester“
Annette und Rolf

Nicki de Saint Phalle wollte mit dem Garten einen Sinn-Ort für sich und andere erschaffen, der „Schrecken und Schönheit“ vereint. Sie arbeitete fast zwanzig Jahre an dem Skulpturengarten und lebte zum Teil dort. Ihre Wohnung ist begehbar:  sie befindet sich in der „Kaiserin“  und ist komplett verspiegelt.

Die Künstlerin hat ihre Botschaft in Stein gemeißelt: dass „wir geboren worden sind, ohne die Regeln zu kennen“.

Und so steht alles neben- und ineinander: Totenköpfe und tanzende Nanas.


Als wir Ende der Neunziger zum ersten Mal hier waren, kurz nach der Eröffnung des Parks,  kletterte der kleine Tilman auf dem Drachen herum. Die Zeit schnurrt zusammen.
Berührt, gerührt sitzen Jo und ich inmitten des Treibens.

Die „Kraft“


Beim Rundgang auf der „Burgmauer“ entdecke ich die Venus. Eine kleine Keramikkachel, die ich damals fotografiert habe, und die seitdem als gerahmtes Bild in meinem Bad hängt und  Wasserfleckenpatina sammelt. Sie ist immer noch da, viel kleiner und unscheinbarer als auf dem Bild im Bad. Mein Herz hüpft vor Freude. Ein kurzes Gewahrsein der Gleichzeitigkeit allen Seins.

Ein beglückendes, fast körperliches Bewusstsein, Teil einer immer bestehenden Welt zu sein, egal ob ich diese gerade wahrnehmen kann oder nicht.
Die Nanas spucken Wasser in die Höhe, die rostigen Mühlen der Ungerechtigkeit quietschen, das Liebespaar picknickt, und das Rad des Schicksals (von Tinguely) im Brunnen vor dem Magier versprüht seine Lichtsterne.

Die Mühlen der Ungerechtigkeit (Jean Tinguely)

Saturnia

Man kann am Tarot Garten nicht übernachten, aber in der Nähe der berühmten Wasserbecken gibt es einen Womo Stellplatz für 400! Wägen. Den steuern wir an, wieder zu viert.

Wir kurven durch die sanft-hügelige Toskana, das Abendlicht lässt die umgepflügten Äcker goldbraun leuchten.

In einer Kurve sieht man gegenüber unser Ziel, wir wollen hinein ins warme Wasser.

Die Vorstellung, bei fast Vollmond im Dunkeln ein Bad zu nehmen, fanden wir bei der Anfahrt romantisch. Nun ist es uns doch zu kalt. Lieber kochen wir und spielen noch mal Doppelkopf.

In der Nacht stinkt es immer wieder  nach faulen Eiern, obwohl die Schwefelquelle einen Kilometer weit weg ist.

Am Morgen wandern Leute in Bademänteln den Feldweg hinunter zum kräftigen Wasserfall, den man riecht lange bevor man ihn sieht.

Zwischen den milchig-türkisen Kaskaden garen schon früh am Tag Menschentrauben. Je weiter oben, desto voller das Becken. Ganz harte Männer drücken sich verkniffen Gesichtes gegen den schäumenden Wasserstrahl, als wollten sie mit ihren Rücken das Tor zur Hölle verschließen.

Man rutscht vorsichtig über die glatten Kalkstufen, findet schließlich seinen Platz und lässt sich aufseufzend in den warmen Strudel gleiten. Das Wasser soll heilende Wirkung auf so ziemlich alles an und in uns haben und die Haut ganz weich machen. Eine halbe Stunde, so lautet die Empfehlung, danach werde es anstrengend für den Körper. Niemand hält sich dran. Alle wollen wissen, was der Jungbrunnen kann. Mindestens eine Badende mogelt: sie war schon geliftet. Manche machen im Wasser vorher-nachher Fotos von sich. Niemand wirft die Krücken weg.

Es ist schön, in der warmen Brühe zu dümpeln. Danach ist die Haut  wie immer, der Leib angenehm schwer. Zurück am Womo gibt’s Frühstück, und dann trennen sich die Wege. Wir müssen heim, Annette und Rolf haben noch etwas Zeit. Ein herzlicher Abschied, wir hatten viel Spaß miteinander.

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