Du betrachtest gerade Reitelefant

Reitelefant

Ich gehe langsam. Immer langsam. Jeden Tag dieselbe Strecke. Staub legt sich auf meine Haut, warm und trocken. Um mich herum ist Lärm.  Tuk-Tuks knattern, Mopeds sirren, Busse stoßen dröhnend ihren dunklen Atem aus. Stimmen in vielen Sprachen. Kameras klicken.

Ich gehe immer weiter.
Neben mir die zwei Männer. Ich kenne ihre Schritte, ihr Schweigen, ihr gelegentliches scharfes Wort. In ihren Händen tragen sie Speere, mehr Zeichen als Waffe, aber ich spüre sie trotzdem im Nacken. Sie führen mich an der Hauptstraße entlang, immer im gleichen Kreis zwischen Parkplatz und Aussichtspunkt.

Auf meinem Rücken sitzen heute zwei Frauen. Sie sprechen leise, ihre Stimmen zittern wie Blätter im Regen. Ihre Füße drücken sich gegen meine Flanken, suchen Halt und rutschen doch ab.
Ich setze meine Schritte sanft.

Ich bin alt geworden. Mein Rücken ist eine Landkarte aus Narben und Gewohnheit. Früher trug ich Baumstämme, schwer und roh, aus den feuchten Wäldern gezogen. Ich erinnere mich an den Geruch von frischem Holz, an das Knacken, wenn ein Stamm nachgab. Damals war ich stark, und meine Welt war stiller. Kein Hupen, kein Lachen,  keine  Augen, die mich anstarren.
Doch noch früher – davor – war ich frei.
Ich erinnere mich an die Herde. An meine Mutter. An den weichen Boden unter den Bäumen, an Schatten, die kühl waren und tief. Wir zogen durch die Wälder rund um den Felsen, dorthin, wo die Menschen heute nur bei Tag gehen. Nachts gehörte die Welt uns. Wir badeten im Wasser, warfen Staub auf unsere Rücken, rieben uns an Bäumen. Ich kannte jeden Geruch, jede Stimme.
Die Menschen hatten Angst vor uns. Noch immer haben sie das. Ich höre sie reden, wenn ich vorbeigehe. Nachts soll man nicht zu Fuß gehen, sagen sie. Zu gefährlich. Zu viele Elefanten. Sie erzählen von Herden, die aus den Wäldern kommen und die Reisfelder leer fressen. Von Böllern, die sie vertreiben sollen. Von Schatten, die sich lautlos bewegen und plötzlich vor einem stehen.
Ich war einmal so ein Schatten.

Ich weiß nicht mehr genau, wann mein Leben sich änderte. Es war ein trockener Tag. Wir waren weit gegangen, das Wasser war knapp. Dann kamen Geräusche, die nicht in den Wald gehörten. Rufe. Feuer. Ein Schmerz in meiner Seite. Panik. Die Herde brach auseinander. Ich lief, aber ich lief nicht schnell genug.
Danach war alles anders.
Ich lernte die Stimme der Menschen kennen. Den Druck von Seilen. Den Stich von Werkzeugen. Ich lernte, zu gehorchen. Schritt für Schritt, Tag für Tag. Sie brachten mir bei, zu ziehen, zu tragen, stehen zu bleiben, wenn ich stehen soll. Ich vergaß mein Leben nicht – Elefanten vergessen nicht –, aber ich lernte zu gehorchen.
Später musste ich Menschen tragen. Meine Wärter legten Sättel auf meinen Rücken, banden Gurte um meinen Bauch. Die Menschen lachten, fotografierten, staunten. Manche streichelten mich vorsichtig als wäre ich zerbrechlich. Andere traten und schlugen mich.
Ich habe gelernt, ihre Gesichter zu lesen. Ich lese Neugier, Angst, Freude, Gleichgültigkeit. Und manchmal gibt es einen Blick, der mich wirklich sieht. Diese Blicke sind selten. Aber ich spüre sie.

Ich bin nicht nur traurig.
Das ist das Seltsame.
Ich bekomme mein Futter. Jeden Tag. Wasser, wenn ich es brauche. Mein Körper kennt keinen Hunger mehr, wie ich ihn aus der freien Zeit kannte. Keine langen Märsche in der Trockenzeit, keine verzweifelte Suche nach Wasser. Ich schlafe, ich gehe, ich esse. Es ist ein einfaches Leben.
Und doch – wenn der Wind aus den Wäldern kommt, trägt er etwas mit sich, das mich unruhig macht.
Dann rieche ich sie.
Die anderen.
Die Freien.
Manchmal höre ich in der Ferne ein tiefes Grollen, kaum mehr als ein Zittern in der Luft. Meine Ohren stellen sich auf, mein Herz antwortet. Ich stelle mir vor, wie sie sich bewegen, gemeinsam, Schulter an Schulter. Wie die Jungen spielen, wie die Alten wachen. Ich stelle mir vor, dass meine Mutter noch irgendwo ist, obwohl ich weiß, dass die Zeit auch sie längst weitergetragen hat.
Ich beneide sie.
Und ich fürchte mich vor ihnen.
Nicht vor ihnen selbst – sondern vor dem, was ich geworden bin. Würde ich noch wissen, wie man frei lebt? Würde ich den Weg zum Wasser finden? Würde ich die Sprache der Herde noch sprechen, oder wäre ich nur ein Fremder mit alten Erinnerungen?
Manchmal träume ich von Flucht.
Ich sehe mich, wie ich mich losreiße, wie ich die Straße verlasse, den Lärm hinter mir lasse. Wie ich in den Wald gehe, Schritt für Schritt, bis die Stimmen der Menschen verschwinden. Das Dunkel zwischen den Bäumen umfängt mich.
Dann wache ich auf.

Ich stehe noch immer hier, auf der Straße von Sigiriya. Die Frauen auf meinem Rücken lachen jetzt leise, ihre Angst ist kleiner geworden. Die Männer neben mir gehen weiter, die Speere ruhig in ihren Händen. Ein Bus hupt. Ein Tuk-Tuk zieht knapp an uns vorbei.
Ich gehe.
Langsam.
Immer langsam.
Und trage zwei Leben in mir – das, das ich verloren habe, und das, das mich nährt.

Dieser Beitrag hat 3 Kommentare

  1. Andrea

    Vielen Dank, ein schönes Sinnen über den Elefanten mit zwei Leben.

  2. Charlott

    Ich möchte liken, aber es lässt mich nicht. Daher sage ich auf diesem Weg: Ich mag den Text sehr.

  3. Anonym

    Eine elephantös einfühlende Beschreibung ☺️

Schreibe einen Kommentar