Sommerende – Up, Up and away

16.10.23 Die Reise geht zu Ende. Wir cruisen über den Daumen, um noch einen Eindruck zu bekommen.

Auch hier Hügel, kleine Strandbuchten, Pinienduft. Leider bleibt keine Zeit, länger stehen zu bleiben, zu radeln, zu wandern. Wir wollen wieder her und genauer hinsehen. Auf Methano, einer vulkanischen Halbinsel im Norden des Daumens speisen wir fein: gefüllter Oktopus und Muscheln.


Wir schlafen zwischen zwei schon nicht mehr bewohnten Häusern, eingelullt vom betörenden Duft des Teejasmins, der fast zum Fenster hinein wächst.

An nächsten Tag gehen wir noch mal spazieren , der vulkanische Sand knirscht wie Schnee unter den Füßen.
Wir stoppen in Epidaurus und bestaunen dieses riesige Amphitheater, das vor 2500 Jahren gebaut wurde, als Heilbadtheather, da gab es offenbar schon sowas wie Kurkliniken. 54 Sitzreihen stapeln sich im Dreiviertelkreis steil übereinander, 14000 Leute können da sitzen. Im Juli und August werden dort die griechischen Dramen aufgeführt. Jetzt testen jede Menge Touristen die besondere Akkustik und übertönen sich so, dass keiner hören kann, was dort möglich ist. Wenn man in der Mitte der Arena eine Münze auf die Steinplatte fallen lässt, ist das Klacken bis in die letzte Reihe zu hören.

In der letzten gemeinsamen Nacht bin ich angespannt. Der Heimflug, der Wiedereinstieg in den Alltag, der Abschied von der Wärme, der Abschied vom Sommer.
Es ist sehr warm. Ich lege mich auf die normale Bettdecke und unter die dünne. Das ist immer noch zu warm. Ich lausche Jos tiefen Atemzügen und dem Schlagen des Meeres, platsch, platsch, kleine Wellen, denn es weht kein Wind, ungleichmäßig, ich erkenne keinen Rhythmus. Eine Mücke sirrt an meinem Ohr vorbei, ich schlage mit der Hand darauf. Habe ich sie erwischt? Nein, da sirrt es schon wieder. Sie landet auf meiner Stirn, ich schlage drauf. Sirr, an der Nase, Klatsch, au! Ich ziehe mir die Decke ganz über den Kopf, nur Nase und Stirn schauen raus, puh, was ist mir heiß. Sirr-klatsch. Ich müsste nach der Landung der Mücke auf meiner Stirn langsam und besonnen meine Hand aus der Decke ziehen und gezielt schlagen. Vermutlich ist sie schon weg, wenn meine reflexartig schlagende Hand landet. Ich wache auf weil meine Hand juckt. Der Daumen, der Zeigefinger, die Handkante jucken wie der Teufel. Ich kratze, bohre die Fingernägel in die juckenden Stellen, beiße rein, schmiere dick Fenistil drauf. Es juckt weiter. Ich muss das ignorieren. Verfluchte Drecksmücke. Wie oft sticht so ein Vieh zu bis es satt ist? Ich mache das blaue Licht an. Sie sitzt an meinem Kopfende und grinst. Natürlich sehe ich kein Grinsen, aber sie tut es, ich bin sicher. Ich erschlage sie. Blut klebt am weißen Plastik über meinem Kopf, an meinen Fingern, mein Blut. Ich schmiere es ins Laken. Ist ja eh wurscht jetzt, ist ja meine letzte Nacht. Ich muss pinkeln. Beim Aufstehen entdecke ich zwei weitere fette blutige Mücken. Auch sie sterben. Mord kann sehr befriedigend sein. Wieder ins Bett. Es ist 6 Uhr. Ich könnte noch zwei Stunden schlafen. Kann ich aber nicht. Es bricht die Stunde der Hunde an. Erst bellt nur einer, weit weg, nach und nach fallen weitere ein. Minutenlang bellen sie sich über die Hügel hinweg ihre Tageserlebnisse zu. Was soll das sonst sein als eine Unterhaltung? Einer behält das letzte Wort. Monologisiert vor sich hin. Wuff-wuffwuff-wuff-wuff-wuff-wuff. Pause und von vorn. Viertel Note, Achtel Note, Viertel Noten. Immer die gleiche Sequenz, tief und heiser aus der hintersten Kehle kommen die Laute. Dabei scheint er das Wohnmobil zu umschleichen, ich höre wie er zwischen den Belllauten die Luft einsaugt. Dann dämmere ich wieder weg bis die Mücke, eine muss ich noch übersehen haben, erneut angreift. Da geht schon die Sonne auf. Jetzt kann ich auch wach bleiben. Ich stehe auf, packe meine wenigen Sachen in meinen Flug Rucksack, plaudere mit Jo, der auch schon wach ist, und seinen Fuß, der aus der Bettdecke herausgeschaut hatte, in Fenistil badet. Und dann Kaffee macht. Wir baden ein letztes Mal im spiegelglatten weichen warmen Meer, so getragen vom Wasser wie das nur im Meer möglich ist. Eine Griechin schwimmt auch, sie lebt dort, erzählt sie uns, ‚I love it, always fine weather“, “ you are a Lucky Woman“ sage ich, und sie nickt und strahlt. Und dann bringt Jo mich zum Flieger. Wenige Stunden später bin ich daheim. Ziemlich verwirrt und herzlich empfangen.

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