Anreise – Teil 1

Um 1:15 reißt mich der Wecker aus dem Tiefschlaf. Eben erst war ich eingeschlafen, nachdem ich lange meinem beschleunigten Herzschlag gelauscht hatte. Alle fünf rappeln wir uns mühsam auf. Zehn Minuten später sitzen wir im großen Leihpassat, und Jo fährt uns durch die verregnete fünf Grad kalte deutsche Nacht zum Münchner Flughafen. Das riesige Gelände ist menschenleer. Die automatische Gepäckaufgabe klappt bei uns nicht, eine elegante junge Frau mit slavischem Akzent deutet auf die Schlange der anderen Reisenden, deren Koffer der Automat ebenfalls nicht wollte. Keine Angst, sagt sie, es geht sehr schnell. Das tut es nicht. Sie habe jetzt nicht mehr Personal, nur drei Leute, die anderen kämen erst um fünf, bedauert die Chefin des Bereiches ohne dass wir gefragt hätten.
Beim Sicherheitscheck werde ich als einzige abgetastet. Meine Schuhe werden auf Sprengstoff untersucht. Das liegt an deinem Verbrechergesicht, sagt Jo. Das hört die Dame, die mich gefilzt hat. Er muss dir als Abbitte Champagner kaufen, fordert sie, sag mir Bescheid, wenn er das nicht macht.
Wir sitzen noch eine Weile vorm Boarding bis wir in den Vogel gelassen werden. Start pünktlich um 6:05.
Als wir in der Luft sind, will Jo, der am Gang sitzt, für Tilman das Nackenhörnchen aus dem Rucksack holen. Er öffnet die Ladeklappe und seine schwere Brotdose, voll mit Eibroten, knallt der Frau, die genau darunter sitzt, auf den Kopf. Die Crew bricht das Catering wegen Turbulenzen ab. Zwei Stunden später malt die aufgehende Sonne die Wolkenränder orange an. Mit einem heftigen Rums landet der Flieger.
Und dann hocken wir im Transit Bereich des Lissabonner Flughafens.
Frühestens um zwölf geht es weiter. Drei Stunden Verspätung. Und ob es heute überhaupt klappt, ist unklar. Schon gestern konnte das Flugzeug wegen starker Winde nicht bis Mindelo fliegen, es ist in Gran Canaria gelandet und dann wieder umgekehrt nach Lissabon.
Doris Dörrie sagt, erst durch Komplikationen, die gemeistert werden müssen, wird ein Urlaub zur Reise.

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