Die Sonne bricht durch die Wolken, äh, nein, das Flugzeug bricht durch die Wolken. Wir sitzen in der letzten Reihe der Sardinenbüchse. Von der Nasenspitze bis zur zur Lehne des Vordersitzes 40 cm. Richtig richtig eng, die Discover Airline. Viereinhalb Stunden wird der Flug dauern. Es wird für die Gäste der Economy class ein kostenfreies erfrischendes Glas Wasser geben, kündigt der Pilot gut gelaunt an.
Mir ist heiß. Die Füsse schwellen an, trotz der Stützstrümpfe. Die Frau vor mir hustet, die Kinder neben uns auch. Ich setze die Maske auf. Darunter ist es stickig, ich erinnere mich.
Wir fliegen an der französischen Grenze entlang. Unten werden die Wolken weniger. Die Sonne wird vom Flugzeugflügel reflektiert und sticht schräg durch das Fenster des Vorderplatzes genau in meine Augen. Das erfrischende Wasser wird im Plastikbecher gereicht und schmeckt schal. Unter uns ist der Lac de Neuchatel, wolkenbedeckt, die Berge daneben haben vereinzelte Schneefelder. Ich muss pinkeln. Dabei war ich am Flughafen noch. Jo neben mir schläft gerade ein, da will ich mich jetzt nicht vorbei quetschen.
Um vier Uhr zwanzig ging heute der Wecker. Ich hatte beim Einschlafen autogenes Training gemacht und mir vorgenommen, gut zu schlafen und um vier Uhr zwanzig erholt und frohgemut aufzuwachen. So war es dann auch. Jo hat gar nicht geschlafen, sagte er. Wenn er sich einen Wecker stellen muss, kann er nicht schlafen.
Der Taxifahrer plauderte uns für 30 Euro zum Bahnhof. Durch Uber und Bolt seien die Einnahmen um die Hälfte zurück gegangen. Viele Taxiunternehmen böten auch Uber an. Machen sich selbst Konkurrenz. Er sei nur Fahrer, nicht Chef. Wenn Taxi fahren nichts mehr einbringe, mache er was anderes.
Das Boardpersonal bewegt sich im engen Gang zwischen den Sitzreihen hin und her. Wasser ausschenken, Plastikbecher wieder einsammeln, Bedürfnisse der Business Class erfüllen. Die Stewardess hat aufgespritzte Lippen, der Stewart tätowierte Augenbrauen. Der Pilot meldet Mont Blanc voraus.
Im Zug hatten wir ein Abteil für uns. Er fuhr nach Dortmund. Die rheinische Strecke über Koblenz und Köln. Ich erinnerte mich an Zugreisen nach Dortmund mit den kleinen Kindern. Damals konnte man aus den sechs Sitzen eine grosse Liegefläche machen. So gemütlich ist es heute nicht mehr. Die Schalensitze sind nur wenig verstellbar. Zum Füße hochlegen und Dosen reicht’s.
Dem Abflug ging eine Wanderung durch den Frankfurter Flughafen voraus. Und eine lange Wartezeit an der Gepäckaufgabe. Unser Koffer war zu breit für den Aufgabeautomaten. Gut dass wir so zeitig dran waren.

Beim Security Check lösten die Orangenspalten in meinem Rucksack Sprengstoffalarm aus. Ein Abstrich war nötig für die Entwarnung.
Das Flugzeug rumpelt gerade über Lissabon, Turbulenzen . „Genießen Sie den Flug und die schöne Aussicht“, sagt der Pilot, und gibt dann die Windgeschwindigkeiten der Inseln im Atlantik durch. 85 km/h aus nördlicher Richtung auf la Palma. Vielleicht könne man nicht landen. Dann würde man Teneriffa ansteuern, da sei weniger Wind, weil der Teide den Flughafen abschirme. Aber vielleicht seien da schon zu viele Flugzeuge, dann flöge man Agadir an.
„Aber genießen Sie nun erstmal den Flug“. Spaßvogel. Noch zwei Stunden.

Ich schlängele mich aus meinem Minimalraum und reihe mich in die Pinkelschlange ein. Zwei Klos für 180 Passagiere. Die Wartezeit nutze ich für ein paar Lockerungsübungen.
Zurück am Platz meldet der Pilot fünf Minuten bis zum Sinkflug. 19 Grad sei es in Santa Cruz und leicht bewölkt. Er schaue sich das mal an. Wenn er durchstarten müsse, merke man das schon. Er hoffe aber auf eine glückliche Landung.
Sinkflug. Druck auf den Ohren.
Wenige Minuten später ist der Vogel im Landeanflug. Der Pilot fordert uns auf, die Notfallkarte zu lesen und gemahnt uns, im Falle der Evakuierung das Gepäck zurück zu lassen. Jo und ich halten uns die feuchten Hände.

Da ist die Insel, ein scharfkantiger steiler Berg im Meer. Wo soll man da landen? Die Landebahn ist halb ins Meer gebaut. Der Wind klingt beim Bremsen wie lange Atemzüge. Es rumpelt und knirscht. Die Fahrwerke werden ausgefahren, Klippen, Palmenplantagen, Gewachshäuser zum Greifen nah. Die weissen Striche der Landebahn sausen unter uns durch. Alle klammern sich an die Lehnen und halten die Luft an. Überraschend weich setzt der Vogel auf. Begeistertes, erleichtertes Klatschen. Wir sind am Boden. Wir sind da. Die Sonne scheint.





PS: Ich glaube, der Pilot macht das immer so. Um die Glücksschwelle zu senken. Bei den ersten Luftlöchern kündigt er mögliche Probleme an. Zwei Stunden denkt man dann mit klopfendem Herzen darüber nach, wo man wohl auf Teneriffa oder in Agadir unterkäme, in Konkurrenz mit all den anderen Gestrandeten. Und dann landet der Vogel butterweich und wie geplant.
PPS: Abbitte. Zwei Tage später lese ich von Stürmen im Atlantik, Flugausfällen und Schnee auf dem Teide. Ich verneige mich vor der Coolness und dem Können des Flugkapitäns.
Spannend!
Sagt wer?
Schön dass ihr wieder unterwegs seid ich bin schon gespannt
Ich mag diese Zeitsprünge