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Morgenmeditation und Weiterreise

Um 5:30 Uhr ist es noch stockfinster. Von Ferne ruft ein Muezzin, Frösche quaken. Ich drehe mich noch mal um.
Eine Stunde später ist es hell draußen. Gleich wird die Sonne über den Little Adams Peak steigen. Schnell raus!
Auf der Schwelle unseres Zimmers liegt zusammengerollt ein freundlicher Klosterhund. Man steigt einfach über ihn hinweg, er ist das gewöhnt und schaut nicht hoch. Der Morgen ist kühl, ich hülle mich in mein Wolltuch, das mir auch als Zudecke dient. Meine Tochter steht schon am Geländer der Terrasse, in eine rosa Plüschdecke gewickelt. Dicht nebeneinander stehen wir still da, blicken in die dunstige hügelige Weite, lauschen den Vögeln, beobachten Streifenhörnchen die über das Stromkabel huschen. Über der Spitze des Berges taucht die Sonne auf und löscht den letzten Rest der Morgenröte. Um 7 Uhr dürfen wir an der Morgenmeditation im buddhistischen Kloster teilnehmen, ein Angebot für die Übernachtungsgäste, dass wir gerne nutzen. Barfuß schreite ich die Stufen zum Tempeleingang empor.

Der Mönch, ein großer, schlanker junger Mann, in safranfarbene Tücher gehüllt, eine schwarze viereckige Brille auf der Nase, deutet einladend auf die gestapelten Kissen. Ich nehme mir eines und setze mich im Schneidersitz darauf. So saß ich lange nicht. Morgensteif, wie ich noch bin, tut mir bald die Hüfte weh, der Rücken rundet sich und ich kann nicht still sitzen. Die beiden älteren einheimischen Frauen, die außer uns am Ritual teilnehmen, tragen weiße Kleider und sitzen direkt auf dem Boden seitlich zum Buddha, die Beine gerade ausgestreckt, die Hände vor dem Gesicht zusammengelegt. Der Mönch beginnt zu singen, die beiden Frauen wiederholen die Melodie, dann singen sie zusammen. Die Stimmen bilden einen gleichförmigen Klangteppich auf dem die Gedanken davon fliegen. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, die fremden Töne und das Vogelzwitschern das von außen hereindringt. Ein kühler Wind streicht meinen Rücken entlang. Links von mir sitzt meine Tochter, hinter mir mein Sohn und meine Schwiegertochter. Ein kurzer vollkommener Moment. Die Frauen wechseln die Haltung. Eine schlägt die Beine unter, die andere kniet mit dem Kopf auf dem Boden. Ich blicke direkt auf Ihre ledrigen Fußsohlen. Der Rhythmus wird schneller, scheint auf einen Höhepunkt zuzusteuern. Es endet mit Sadhu, Sadhu, Sadhu. Die Frauen stehen auf, verneigen sich vor dem Buddha und gehen. Wir räumen unsere Kissen auf, gehen einmal um den Buddha-Altar herum, betrachten die Wandgestaltung. Seltsam anmutende Wandmalereien. Viele Personen mit dicken Brüsten und Bärten. Später gehe ich noch mal in den Tempel um Fotos zu machen.

Jetzt aber erklärt uns der Mönch auf Englisch, dass Menschen an der Morgenmeditation teilnehmen, die sich Kraft für anstehende Herausforderungen holen wollen. Er bindet uns allen ein buntes Bändchen ums Handgelenk, dass uns an den Moment erinnern soll. Eine Art Segen. Das fünfte Bändchen für den noch schlafenden Jo gibt er mir mit: „sleeping  it’s okay, give it to him“.
Dann gibt’s Frühstück, zum dritten Mal dasselbe: zwei gefüllte Pfannkuchen, salzige Butter, süße Marmelade, Obst und Tee. Wir packen, und dann holt uns auch schon der Van ab, um uns ans nächste Ziel zu bringen.

Das heißt „Rainforest Hideaway“ und liegt am Eingang des Singaraja Regenwaldes am Gin Ganga. Eine Fünf-Stunden Fahrt, vor der uns ein wenig graut. Aber dann geht sie gut und angenehm vorbei. Der Van hat mal keine tiefdunkel getönten Scheiben, wie die bisherigen, aus denen man nicht rausschauen konnte. So haben wir eine klimatisierte Panoramafahrt durchs Gebirge, am flachen Udawalawe Nationalpark entlang, wo nah der Straße dicht am Zaun ein Elefant wie zum Gruß den Rüssel hebt, dann hinein ins nächste Gebirge. Bei einem Zwischenstopp versorgen wir uns in einem Supermarkt mit Keksen. Beim Aussteigen schlägt uns die Hitze entgegen, gefühlt 45 Grad.

Seitenfenster, Blick durch lückenhafte Verdunklungsfolie

Wir vertreiben uns die Zeit mit Ratespielen und Stadt-Land-Fluss. Ein Land mit W? Na? West-Sahara. Kam keiner drauf. Die Straße wird klein und kleiner, es geht mir Tempo zwölf voran. Dann geht für den Van nichts mehr und wir steigen um in den Jeep der Unterkunft. Das Schätzchen ist Baujahr 1972, an allen Ecken provisorisch geflickt, aber es schnauft uns tapfer den in meinen Augen unbefahrbaren Weg zur Unterkunft.

Es sind nur 600 Meter und dauert 15 Minuten. Drei einzelne Häuschen mit Veranden erwarten uns im Nirgendwo, ein überdachter, offener Gastraum und ein Fluss, der über Felsen braust und Gumpen bildet, in die wir sogleich glücklich hinein springen.

Blick von der Veranda
Weg zum Fluss

Das Essen ist großartig, verschiedene Currys, das Bier ist kalt. Leider fällt die gebuchte Nachtwanderung im Regenwald buchstäblich ins Wasser. Es regnet plötzlich aus Eimern. „When raining, animals are hiding. We don’t go.“ Also morgen die Tagtour. Wenn’s nicht schifft.


Senkrecht fällt das warme Wasser herab, prasselt so laut aufs Blechdach, daß ich denke, der Ventilator stürzt ab. Von allen Blättern und Bäumen tropft und fließt es. Der Regen mischt sich mit dem Fluss zu einem grossen allumfassenden Rauschen. Die Luft kühlt ab und schmeckt frisch. Nach zwei Stunden hört es auf zu regnen, die Frösche quaken, und auf unserem Dach und in den Baumkronen darüber springen grosse schwarze Affen herum.

Am Morgen nach dem Regen
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Charlott
Charlott
1 Monat vor

Der Bericht über die Morgenmeditation ist intensiv. Das Regenrauschen ist laut. Was ihr schreibt ist schön und es macht Freude, es zu lesen.

Eckhard
Eckhard
1 Monat vor

Habe ein wenig mitmeditiert – schön!
Sehr ansprechende Beschreibungen und atmosphärische Fotos! Ich reise ein wenig mit – und das auf meinem Sofa ….. danke für die Gelegenheit!! 🙂👍🙏🕊️