Stellt man den Blick ein bisschen diffus und konzentriert sich auf den optischen Eindruck, könnte es in Schweden sein, das kleine Haus am glitzernden See, über dem sich Wolken bauschen. Doch da wäre es kalt, jetzt, im März.
Hier bin ich froh über das Schilfdach, das die schwimmende Frühstücksterrasse beschattet.

Der sanfte Wind vom See ist feuchtwarm und schmeckt nach Rauch. Auf dem Nachbargrundstück brennt ein Müllfeuer. Die Menschen verbrennen ihre organischen Abfälle. Manchmal ist auch Plastik dabei.


Lichtreflexe huschen über dichtes Ufergrün. Palmen, Mangroven, Mangobäume. Häuser verstecken sich darin. Ich sehe nur eines von meinem Platz aus, aber von allen Seiten höre ich Dorfgeräusche: leise Stimmen, Husten, Lachen. Kinder singen: in der Nähe ist ein kleines Schulhaus. Der Unterricht beginnt. Gleich wird ein Zug das einspurige Gleis im Hinterland entlangrattern, die Glocke am Bahnübergang bimmelt schon. Ein Hund bellt, ein Affe springt durch die Bäume, ein Waran schwimmt lautlos vorbei, Vögel zirpen, schnattern, gurren, ein Pfau schreit.
Die Abwesenheit von Maschinenlärm. Nur ein Bäcker Tuktuk fährt durch die Siedlung. Es flötet „für Elise“, wie alle Tuktuks auf der Insel, die Sachen verkaufen: Brot, Obst, Stühle, Kloschüsseln, Kokosnüsse sind schon mit Beethovens Melodie an uns vorbeigefahren.
Der Wind kräuselt das Wasser des Lagunensees. Es gluckert an den Steg. Das Frühstücksfloß schwankt ganz leicht.


Wir wohnen hier vollkommen privat. Die andere Hälfte des kleinen Doppelhauses ist nicht belegt. Anuradha, die Gastgeberin, taucht morgens auf und macht Frühstück für uns, den Rest des Tages sind wir ganz allein hier. Das Meer ist nur 10 Minuten zu Fuß entfernt. Wenn am Abend die Siedlung zur Ruhe kommt, hört man die Brandung.
Jetzt ist die Frühstücksvorbereitung im Gang. Zuerst zündet Anuradha ein Räucherstäbchen an. Ich mag den seifig blumigen Geruch. Sie legt Tischdecken auf und stellt Wasser und Teller hin.

Es ist ihr peinlich, dass ich schon hier sitze. Es macht ihr Stress.
Obwohl es noch eine halbe Stunde vor der verabredeten Frühstückszeit ist, entschuldigt sie sich.
Ich warte nicht. Ich sitze und schaue und spüre und lausche und wittere. Ob sie meine Beteuerung versteht, dass ich gerne hier in der Stille sitze und den Morgen genieße?


Fischer gleiten in kleinen Paddelbooten in die Lagune hinaus. Ein Fisch springt. Meine VogelstimmenApp kennt die Vögel, die zu hören sind: Gelbschnabel-Drosselhäherling, Rotsteißbülbül, Rotstirn-Schneidervogel, Indiennektarvogel, Dajalshama, Spottet Dove, Kupferschmiedbartvogel. Ich bin verzaubert von den Tönen und den klangvollen Namen.

Jetzt stellt Anuradha Omelette hin, Saft, Roti, Milchreis, Dahl, Fischcurry, herzhaft gefüllte Teigtaschen, süße Pfannkuchen, eine Obstplatte. Es wird uns den ganzen Tag reichen.

Während wir frühstücken, reinigt sie unser Zimmer.
Wir sind jetzt seit vier Nächten hier und haben uns entschieden, zu bleiben. Noch weitere vier Nächte, dann für eine Nacht nach Negombo und dann, am nächsten Morgen, heim. Hopefully.
Wir leben in den Tag. Es ist stiller zu zweit. Die Außenwelt erreicht uns stärker. Menschen sprechen uns an und nach ein paar Sätzen: wo kommt ihr her, seid ihr das erste mal auf Sri Lanka, wie gefällt es euch hier, wo wart ihr überall, wie lange bleibt ihr, erzählen Sie uns von ihren Sorgen: Die Touristen bleiben aus, die Preise steigen, es gibt keinen Treibstoff, vor den Tankstellen sind lange Schlangen. Sie wissen nicht wie es weitergeht. Viele Menschen sind arm und drohen zu verlieren was sie haben. „Outside laughing, inside burning“ beschreibt es ein junger Mann am Strand.
Es geht uns unter die Haut, wir können nichts tun. Dieses Land ist krisengebeutelt, krisenerprobt, wir hoffen das Beste für die Menschen, deren Träume und Sehnsüchte sich nicht von den unsrigen unterscheiden. Ein Auskommen haben, ein Haus, eine Familie, den Kindern eine gute Bildung geben, die Welt anschauen.
Wie privilegiert wir sind. Mit Reisepass, Sicherheitsstandarts und Wohlfahrtssystem. Von hier aus betrachtet sind die deutschen Sorgen und Empörungsdebatten sehr absurd.
Indiennektarvogel. Was will ich mehr!
Es gibt diesen deutschen Schlager vom Haus am See.
Hab vergessen von wem und auch keine Lust das herauszufinden. Aber der weckt freundliche Bilder vom immer harmonischen Leben.
Was bleibt? Keine Empörung, brennende Sorgen, ein umwerfendes Frühstück, die Aussicht auf Zuhause, bald in der Sommerzeit …
Genießt die paar Tage in Fülle. Reisepass nicht vergessen! 😉
…Peter Fox…
Mit dir will ich ein Kneipenquiz machen, dann schmieren wir bei Musikthemen nicht ab!
Das wollte ich immer schon mal machen, Du große Unbekannte
So Stelle ich mir „das Paradies“ vor. Das Haus, die Umgebung, das ausdehnbare Frühstück, die Menschen, die Stille …..
Sehr schöne, atmosphärische Fotos u. Beschreibung …..
Ich denke, ihr habt’s verdient ….. 🙂🙏👍