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Strandhund

Ich bin schwarz. Das ist ungewöhnlich für einen Hund wie mich.
Die meisten meiner Verwandten sind sandfarben, wie der Sand selbst, der Staub der Wege oder das trockene Gras hinter den Mangroven. Aber ich bin schwarz wie die Nacht über dem Meer. Einer der Menschen nennt mich „Shadow“. Ich höre inzwischen darauf.
Mein Revier liegt am Marakolliya Beach, ein langer Strand südlich von Tangalle.
Hier gehört mir ein Stück Sand. Hier kenne ich mich aus. Ich weiss, wann das Wasser kommt und geht, wo ich geduldet und wo ich verjagt werde, ich kenne die Gerüche, die Futterstellen und die Schattenplätze.
Gleich hinter den Palmen ist das kleine Lonely Beach Resort. Freundliche Menschen leben dort. Sie stellen manchmal eine Schale mit Reisresten hin. Oder Fischhaut. Oder Currysoße, die nach Kokos riecht. Für einen freien Hund wie mich ist das ein gutes Arrangement: Ich bewache nichts, aber ich bleibe in der Nähe. Die Menschen haben auch was davon: Ich fresse die Reste und halte damit Ungeziefer fern.
Tagsüber kommen die Gäste aus ihren kleinen Hütten. Manche mögen es, wenn ich auf den hölzernen Sesseln ihrer Veranden schlafe. Sie halten ihre eckigen Geräte lächelnd in meine Richtung. Andere stellen mir Reis hin, den sie nicht aufgegessen haben. Menschen sind seltsam – sie machen mehr Essen, als sie schlucken können.
Ich begleite sie gern bei ihren Strandspaziergängen.
Nicht alle natürlich. Aber manche. Ich erkenne, wer das mag und wer nicht.


Wenn sie im Sand sitzen und aufs Meer schauen, lege ich mich neben sie. Ich tue so, als würde ich auch aufs Meer schauen, aber eigentlich beobachte ich ihre Hände. Manchmal kommt eine Hand herunter und krault mich hinter den Ohren. Das ist eines der besten Dinge im Leben.

Mein Revier endet an der Lagune.
Wenn die Sonne hoch steht und der Sand heiß wird, gehe ich hinunter ins Wasser. Das machen wir Hunde hier alle. Das Wasser ist weniger salzig als das Meer und gut zu trinken.


Manchmal stehe ich still im flachen Wasser. Etwas Silbernes zuckt vorbei. Ich schnappe zu. Wenn ich schnell genug bin, fange ich den Fisch.
Manchmal bringt auch das Meer Essen. Eine Welle spült etwas an: einen Fisch, eine Krabbe, manchmal etwas, das schon lange tot ist und stark riecht.
Unser Magen hält viel aus. Das ist ein Geheimnis unseres Überlebens. Wir Singha-Hunde, die freien Hunde der Insel, können fast alles verdauen.
Natürlich habe ich auch Freundinnen.
Die meisten Weibchen sind zuerst schroff. Sie knurren oder tun so, als sei ich Luft. Aber manchmal habe ich Erfolg.
Gerade mag mich die sandfarbene Hündin hier am Strand. Sie gehört auch irgendwie zum Resort. Sie riecht gut. Ihr fehlt eine Ohrenspitze. Sie wird nicht trächtig, wenn wir Spaß haben. Wir jagen uns über den Sand, rennen bis unsere Zungen hängen. Dann knabbern wir uns gegenseitig am Fell und verkeilen spielerisch unsere Mäuler.


Heute sitzt eine Gruppe Menschen im Sand. Sie wohnen schon viele Tage im Resort. Sie werfen eine schwarze Scheibe hin und her. Ich versuche immer wieder, sie aus der Luft zu schnappen. Das macht Spaß.
„Shadow!“, ruft einer der Männer.
Ich renne los.
Die Scheibe fliegt, ich springe – und verfehle sie knapp.
Die Menschen lachen.

Einer von ihnen legt sich in den Sand. Meine Freundin legt sich neben ihn. Ich stupse sie an. Wir schmusen ein bisschen.

Eine Menschenfrau kommt dazu. Sie legt sich ebenfalls hin. Die beiden Menschen drehen ihre Köpfe zueinander und machen etwas Seltsames.
Sie verkeilen ihre Mäuler.
Ich schaue eine Weile zu.
Menschen sind wirklich merkwürdige Tiere.

Geboren wurde ich am Mulgirigala Tempel. Dort leben viele Hunde. Besonders die alten und kranken. Fromme Menschen bringen Reis für die Mönche und für den Buddha. Meistens geben sie uns was ab.


Als ich noch ein kleiner, niedlicher Welpe war, kamen Ausflügler mit einem Tuk-Tuk. Sie fanden mich süß. Sie setzten mich einfach hinein.
So kam ich an den Strand.
Als sie wieder abreisten, blieb ich zurück.
Am Anfang war es schwer. Viele Hunde lebten schon hier. Jeder hatte sein Gebiet. Ich musste kämpfen, fliehen, wiederkommen. Langsam lernte ich die Wege, die Schattenplätze und die Regeln. Ich wurde stärker, gewann Kämpfe. Irgendwann gehörte ich dazu.

Ich mag mein Leben.
Am Ende der Lagune lebt ein Hund fest bei seinen Leuten. Er sieht anders aus als wir. Sein Fell ist lang und glänzt. Er bekommt extra Futter zubereitet, sie spielen mit ihm und streicheln ihn. Sie werfen Stöcke und Bälle weg, die er wiederholt. Warum tut er das? Sie schlingen ihm eine Leine um den Hals und binden ihn an einem Baum an, wenn sie weg gehen.  Er bellt, wenn ich vorbei laufe, wenn ich in seinem Revier stöbere. Aber er kann nicht mit mir rennen oder kämpfen. Armer Hund. Ich will nicht mit ihm tauschen, obwohl sein Futter sehr gut riecht. Trotzdem bin ich besser dran.
Zu essen findet sich immer etwas.
Mein Körper ist stark.
Wenn ich laufen will, laufe ich.
Wenn ich schlafen will, schlafe ich im Schatten.
Viele Menschen mögen mich.
Ich habe Freunde unter den Hunden. Nachts rufen wir uns mit Bellen und Heulen zusammen und feiern unsere Hundepartys am Strand.
Besonders bei Vollmond.
Dann kriechen auch die kleinen Schildkröten aus dem Sand. Auf ihren winzigen Beinen eilen sie zum Wasser. Sie schmecken gut.

Ich schaue auf das Meer hinaus.
Die Wellen rauschen. Der Himmel färbt sich rot. Die Luft riecht nach Salz und Fisch. Meine helle Freundin schläft neben mir im Sand.
Einer der Menschen ruft:
„Shadow!“
Ich hebe den Kopf.
Ja, denke ich. Das bin wohl ich.

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Anonym
Anonym
1 Monat vor

Wuffi ! 🐶

Charlott
Charlott
30 Tage vor

Er wird den Seinen auch von euch erzählen. Von dem dunklen Weibchen mit dem hellen Männchen.