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Herdenringe

Im klimatisierten Van lassen wir uns zu einer Kunstschmiede fahren. Tilman hat über Instagram einen Ring-Workshop gefunden und organisiert.

Eine Stunde fahren wir auf der befahrenen Küstenstraße durch den touristischen Hauptteil der Südküste. Vorbei an vielen Fisch- und Obstständen, Tempeln, uniformierten Schulkindern, Surferbedarfläden.

Unser Ziel liegt in einem ruhigen Stadtteil in dem die Menschen wohnen und arbeiten, Touristen sich eher nicht verirren. Der Taxifahrer wundert sich über die Adresse, die er bisher nicht kannte.

Wir werden herzlich begrüßt und in den ersten Stock des Familienhauses geführt.

Dort ist die Werkstatt von Vater und zwei erwachsenen Söhnen. Die Mutter betreibt im Erdgeschoss eine kleine Schneiderei.

Juwelen
Arbeitsraum
Innenhof

Auf laminierten Farbkopien suchen wir aus, welche Ringe wir anfertigen wollen. Wir wählen alle ein Design mit Mondstein.
In der engen Schmiede schauen wir dem Chef über die Schulter.

Werkbank mit Maggidosen

Die Esse ist kein Riesenfeuer, wie ich erwartet hatte. Eine Schale, groß wie ein Wok, Reisspelzen bilden ein feuerfestes Bett für die Glut aus einer Handvoll Kohlechips –  coconut charcoal. Eine mit einer Handkurbel betriebene metallene Luftpumpe facht die Glut zu einem kleinen Feuer an.

Esse und Blasebalg

Der Schmelztiegel wird auf die brennende Kohle gestellt bis er rot glüht und die Silberflocken brodeln. Das flüssige Metall gießt der Schmied mit sicherer Hand und mit Hilfe einer großen Zange in eine Form. Es zischt, als der entstandene Barren ins Wasser geworfen wird.

Nun wird gehämmert. Wir dürfen alle mal.

Er kann es

Es ist viel schwerer als es aussieht. Man muß die sechs Zentimeter lange Silberstange an einem Ende so festhalten, dass sie auf dem Mini Amboss aufliegt und nicht hüpft, wenn man mit dem Hammer darauf schlägt. Man klopft immer von sich weg. Idealerweise wird der Strang dadurch in die Länge getrieben. Bei mir passiert nichts, außer daß ich mir zwischen Barren und Amboss den Finger blutig quetsche. Gleich bekomme ich eine Schale mit Eis gereicht und bin von der Hämmerei befreit.

Im nächsten Schritt wird die Stange gewalzt. Sie wird zwischen zwei handkurbelbetriebenen Walzen durchgedreht, wie Teig in einer Nudelmaschine. Auch hier schaffe ich es, mich zu verletzen. Zwicke mir die Mittelfingerkuppe ein wenig zwischen Silber und Walze ein, weil ich das Stück zu lange festhalte. Die kleine Blutblase, die dabei entsteht, verheimliche ich den Schmieden.

Das flachgewalzte Silberstück wird in Abschnitte zerteilt. Aus jedem Abschnitt soll ein Ring entstehen.
Wir dürfen unsere Rohlinge nun bearbeiten: mit kleinen Hämmern und Meißeln bzw stumpfen Nägeln werden Muster hineingeklopft. Das kriegen wir alle ganz gut hin.


Die Frau des Hauses serviert süßen Tee, Bananen und Kekse. Zusätzlich bestellen wir Essen im nahegelegenen Restaurant, das uns mit Tuktuk geliefert wird. Die Portionen sind so üppig, dass sie fürs Abendessen reichen.

Die Hauptarbeit an den Ringen machen die Schmiede. Fasziniert beobachten wir den Schaffensprozess. Bei unverfänglichen Schritten dürfen wir ausprobieren.

Immer wieder wird der Rohling auf dem Asbestbett erhitzt

An der Stelle, an der der Stein aufgesetzt werden soll, wird von der Rückseite mit einer Aale ein Loch in das Silber gebohrt, damit das Licht durch den Stein hindurchscheinen kann. Dann wird der Silberstreifen an die Fingergröße angepasst und geschlossen. Später wird man keine Naht oder Schweißstellen sehen.


Zum Steine setzen verwenden die Schmiede ein Harz, das in der Glut zähflüssig wird. Sie überziehen damit einen hölzernen Knauf und setzen den Ringrohling auf die klebrige Masse, die sogleich aushärtet. So kann der gefasste Stein angeklöppelt werden, ohne dass was verrutscht.

Das Material ist Schellack und wird von Schildläusen produziert, die auf den Ficus Bäumen der Insel leben. Die rotbraunen  Harzplättchen werden grammweise verkauft und sind sauteuer, erzählt der junge Schmied.  Das Harz wird immer wieder verwendet. Auch der Silberstaub wird aufgehoben. Die Arbeitsplätze sind mit Lederlappen ausgestattet, die sich die Schmiede beim Arbeiten wie eine Schürze auf die Beine legen. Darin fangen sie fast unsichtbare Glitzerpartikel auf, die später wieder zu Silberflocken zusammengeschmolzen werden. Sogar ihre Hände, an denen beim Schleifen Silberstaub haften bleibt, bürsten sie sorgfältig über den Schürzen ab. Ich bin beeindruckt von der Ruhe und der Genauigkeit der Bewegungen.

Wir sind lange dort, über sechs Stunden. Da muss man mal. Wir dürfen das Familienbad benutzen und werden dafür durch den Wohnraum geführt. Ein großer leerer Raum mit glattem Steinboden, an der Wand ein Sofa, auf dem ein alter Mann fernsieht. Ein Mädchen sitzt am Esstisch und schreibt. Daneben ist eine Küche, in der die Oma werkelt. Als ich im Vorbeigehen neugierig in die Werkstatt der Mutter schaue, ruft sie mich herein: „come, look! I Tailor,“ sagt sie und lächelt mich scheu und stolz an. In ihrer vielleicht sechs Quadratmeter großen Werkstatt sind die deckenhohen Regale mit beschrifteten Tüten vollgestopft. Die Schneiderin zieht ein paar heraus und zeigt mir den Inhalt: Stoffe, Rüschen, Werkstücke. „For customer,“ sagt sie. Eine gelbe Saribluse für eine Lehrerin, ein mit Brokat benähter halbfertiger Rock für eine Hochzeit, weiße Blüschen für Schulkinder. Drei Nähmaschinen hat sie, alle mit Fußpedalen zu bedienen. Eine davon ist eine wunderschöne alte Singer aus schwerem Gusseisen, wie sie meine Mutter benutzt hat, bevor sie sich die Elektrische kaufte. Ich würde gerne länger mit der stolzen Schneiderin plaudern, aber sie kann kaum Englisch und ich gar kein Singhalesisch. Mit Händen und Füßen ist die Grenze der Verständigung doch schnell erreicht. Tilman bittet sie später, ihm einen abgerissenen Knopf an sein Hemd zu nähen. Sie näht gleich alle Knöpfe fest.


Die Ringe werden einer nach dem anderen fertig. Die Schmiede arbeiten jetzt konzentriert zu dritt. Sie feilen und polieren, eine feine, präzise Arbeit, bei der wir nur zuschauen. Legten wir Hand an, wir würden die Ringe ruinieren. 

Unser Fahrer, der lange interessiert zugesehen und sich die Arbeitsschritte hat erklären lassen, steht jetzt wartend an der Treppe. Offenbar will er los. Die Schmiede lassen sich nicht stressen, sie bleiben sorgfältig bis zuletzt.
Wir zeigen einander stolz unsere neuen Ringe, die Schmiede freuen sich an unserer Freude.
Die Herren der Ringe haben uns Herdenringe gemacht.


Auf dem Rückweg hat es unser Fahrer sehr eilig. Er fährt so rücksichtslos durch den dichten Verkehr, dass ich immer wieder die Luft anhalte.
Als wir endlich daheim sind, ist unsere Siedlung komplett dunkel, Stromausfall. Das passiert hier öfter. Meistens ist der Schaden nach drei bis vier Stunden repariert, diesmal dauert es länger.
Bei Kerzenschein futtern wir unsere eingetupperten Essensreste. Die Mondsteine funkeln.

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Ilse
Ilse
1 Monat vor

Da war ich jetzt voll dabei. So detailreich und genau hast du alles geschildert. Wunderbar

Annette Reichardt
Annette Reichardt
1 Monat vor

Was für ein großartiges Erlebnis, diese Ringe sind eine richtig schöne Erinnerung an diesen sehr besonderen Urlaub. Danke für’s mitnehmen auf diesen kreativen Ausflug.

Ulli
Ulli
1 Monat vor

Ich finde eure Herdenringe klasse. Und ich liebe eure Geschichten und warte immer schon drauf, wann und wie es weiter geht. Besonders berührt hat mich die Geschichte vom Elefanten. Euer Schreibstil nimmt mich mit. Jetzt bin ich gespannt, wie die Juniors nach Hause kommen und wohin es für die „Senioren“ geht. Seid alle miteinander lieb gegrüßt, Ulli

admin
Administrator
1 Monat vor
Antwort auf  Ulli

Danke!